Während die Oberflächenspannung von Flüssigkeiten
der direkten Messung zugänglich ist, nämlich durch die Bestimmung der Kraft, die
der Erzeugung neuer Oberfläche entgegensteht (z.B. Meniskusgewichte, Deformation
beweglicher Oberflächen im Kraftfeld), ist die Oberflächenspannung fester Körper
nur indirekt messbar. Die Oberflächenspannung charakterisiert eine isolierte
einzelne Flüssigkeit. Sie bestimmt beispielsweise die freie Tropfenform und -Größe
oder auch den Druck in Gasblasen (Hohlräumen). Zwischen nichtmischbaren flüssigen Phasen ist
die energetische Stabilität von Emulsionen von der (adhäsiven) Grenzflächenspannung
und der jeweiligen (kohäsiven) Oberflächenspannung der
Einzelflüssigkeit abhängig. Bei der Benetzung und Benetzbarkeit, der
Interaktion flüssiger und fester
Stoffe, sind die Verhältnisse
der Ober- und Grenzflächenspannungen der beteiligten Phasen und Phasengrenzen
in Betracht zu ziehen.
Die Verhältnisse werden anschaulich durch die
Young-Gleichung,
beschrieben: Ein Flüssigkeitstropfen auf einem ideal glatten Festkörper bildet an seinem
Rand eine Grenzlinie, an der sich die drei Phasen treffen. Die Tropfenform,
als sich einstellende Eigenschaft, gibt die herrschenden Verhältnisse der Grenz- und
Oberflächenflächenspannungen - d.h. Energien - wider.
γs,g
Oberflächenenergie des Festkörpers
γl,s Grenzflächenspannung zwischen Flüssigkeit und Festkörper
γl,g
Oberflächenspannung der Flüssigkeit (gegen ihren
eigenen Dampf)
Die in der Grafik in Vektoren dargestellte Young Gleichung, die vielfache
Bedeutungen umschliesst, erhält noch einen Zusatz(vektor):
γs,l
+
γl,g
cos
Θ =
γs,g
=
γs +
πe
πe
ist der Gleichgewichtsdruck bzw. der Ausbreitungs- oder Spreitungdruck des
Flüssigkeitsdampfes
an der Oberfläche im Gleichgewicht. Im Vakuum ist
πe
Null; z.B. für Wasser auf PE werden 0,14 [mN/cm] angegeben.
Die Differenz
γs,g
-
γl,s
ist stets größer Null, und wird Benetzungsspannung genannt. Der Winkel
Θ
wird Rand-, Kontakt-, Young- oder Benetzungswinkel genannt, er kann Werte
in den Grenzen 0° < Θ < 180° annehmen. Man sagt, eine
Flüssigkeit wirkt benetzend, bzw. ein Festkörper ist durch sie benetzbar oder
ist benetzt, wenn der
Randwinkel
Θ<90° beträgt. Die
Güte der Benetzung ist dem Randwinkel indirekt proportional. Z.B der
Randwinkel von Quecksilber auf Glas beträgt etwa 138°, Glas wird von Quecksilber
nicht benetzt.
Der Fall
Θ = 0°, totale Spreitung oder
Θ = 180°, totale nicht-Benetzung, tritt in der Wirklichkeit nicht auf.
Zum "Lotuseffekt":
Die Grundlage des Effektes ist in der Wenzelgleichung gegeben:
cos
Θgem.= r·cos
Θ
Sie bedeutet, dass der Kontaktwinkel realer Oberflächen noch besonders durch die
Rauhigkeit r der Oberfläche festgelegt ist. Der gemessene
Kontaktwinkel (Θgem.) d.h. der
wirkliche Randwinkel des Wassertropfens auf dem Blatt der Lotuspflanze, wurde
bereits mit dem Verstärkungsfaktor r verstärkt. Idealglatte
Oberflächen haben ein r=1, bei realen Oberflächen ist r immer größer als 1.
Bei schlechter Benetzung, also cos
Θ>90, wie bei Kunststoffen, wird durch Schleifen der
Oberfläche (r >>1) ein noch größerer Kontaktwinkel effektiv. Schleifen
oder fein strukturieren der Oberfläche befördert damit das Ablaufen von
Wassertropfen; eine benetzende Flüssigkeit würde also noch besser spreiten.
Begriffe im
Zusammenhang mit Benetzung und Kontaktwinkel
Eine große Benetzungsspannung (=
γs,g
-
γs,l
) ist gleichbedeutend mit einer
kleinen Haftspannung (=
γl,g
cos
Θ). Die sprachlichen
Begriffe entsprechen Teiltermen in der Younggleichung. Die
modifizierte Younggleichung bringt zum Ausdruck, dass der
Gleichgewichtskontaktwinkel - man kann es gar nicht oft genug sagen, in der
Thermodynamik geht es um Gleichgewichte, die ihre apparatetechnische
Entsprechung in jeweiligen gültigen Methoden benötigen, sonst gibt's nur
räumlich und zeitlich eingeschränkte und in Formeln nicht verwendbare
Vergleichszahlen - dass also der Kontaktwinkel auch von der Größe
des abgelegten Tropfens abhängig ist = Tropfengrößeneffekt:
cos Θgem.
=
cos Θ
- σ /(γl,g·RK)
RK
der Radius der kreisförmigen dreiphasen Grenzlinie (Benetzungslinie,
dreiphasen Interface), σ steht für die Dreiphasenlinienspannung (line tension) und
Θgem.ist
der gebildete Winkel,
Θ
der Winkel für unendlich große Tropfen. Die Korrektur wird vor allem bei zu
kleinen Tropfen (<4-5mm) notwendig.
Der Effekt der Tropfengröße ist in der Regel weniger bedeutend als Porosität,
Glätte, Unebenheit, eingeschlossene Luftblasen, Staubkörnchen und die zu
messenden Energien des Untergrundes, die nicht gleichmäßig verteilt (anisotrop)
sein mögen. Außerdem gibt es noch zahlreiche andere Wirkungen, wie ggf.
Quellung, in-Lösung gehen, Separation, Interdiffusion, Bildung einer
elektrischen Doppelschicht, elektrostatische Ladungen, Verdunstung ...
Unter Adhäsionsarbeit (Wa)
wird die reversible Oberflächenarbeit (auch differenzielle Grenzflächenarbeit
genannt)
verstanden, die zum Ablösen der Benetzung vom Untergrund erforderlich ist:
Wa
=
γs,g+
γl,g-
γs,l
Diese Arbeit ist Äquivalent mit dem Ausdruck:
Wa
=
γl,g
(1+cos Θ)
der als Young-Dupresche Gleichung bekannt ist.
Der Größte Wert, der für
Wa erhalten werden kann, wenn
cos
Θ
≈ 1 ist
(bei totaler Benetzung), bedeutet dass die Arbeit maximal die doppelte
Oberflächenenergie der Flüssigkeit erreicht. Es müssen ja beide Oberflächen,
da abgetrennt - neu erarbeitet werden.
1.3 Festkörperoberflächenspannung - Verschiedene Ansätze
- Eine Oberflächenspannung des Festkörpers kann durch Auftragen
verschiedener Flüssigkeiten und Messung des Kontaktwinkels bestimmt
werden; genauer, die kritische Oberflächenspannung der Benetzung
γkrit.
vgl.
Methode von Fox und Zismann
(1950)
- Nach Neumann (1967) kann die Festkörperoberflächenspannung
durch Messung des Kontaktwinkels bestimmt werden:
cos Θ
= ((0.015 γs-
2)·
(γl· γs)1/2
+
γl)
/(0.015 ·
(γl·γs)1/2
-1)
- Mittels eines Wechselwirkungsparameters (Φ)
kann mit der Gleichung von Good und Girifalco (1957) aus einer
Kontaktwinkelablesung die Oberflächenspannung des Festkörpers gewonnen werden:
γs,g =
γl,g
(1+cos Θ)²/(4·Φ)²
Der Parameter ist definiert als Verhältnis von Adhäsionsarbeit
(Wa)
und dem geometrischen Mittel der Kohäsionsarbeiten (Wc1,
Wc2) der Phasen: Φ
= Wa/(Wc1·Wc2)1/2
- Fowkes (1972) erkennt die Oberflächenspannung als summativ aus den
molekularen Wechselwirkungsenergien zusammengesetzt: dispersiv (d), polar (p)
und Wasserstoffbrücken (h), sowie Säure-Base-Wechselwirkungen (sb):
γ
=
γd+
γp+
γh+
γsb
Wechselwirkungen finden ausschließlich über gleichartige Energien
statt. Bei Betrachtung der rein dispersen Wechselwirkung, wie in etwa bei
Kohlenwasserstoff auf etwas, oder etwas auf PE, PP der Fall, gelte:
γl,g
·
(1+cos Θ)
=
2·
(γl(d)·γs(d))1/2
- Owens, Wendt und Kaelble
(1969,70) erweiterten den Ansatz auf die Betrachtung der polaren
Komponenten, wobei die Wechselwirkungen von Wu (1982) dann als
harmonisches Mittel ausgedrückt wurden:
γl,g
·
(1+cos Θ)
=
4·
((γl(d)·
γs(d))/(γl(d)+
γs(d))+
(γl(p)·
γs(p))/(γl(p)+
γs(p)))
Festkörperoberflächenspannungen lassen sich so durch Kontaktwinkelmessungen mit
zwei Flüssigkeiten beschreiben (oft Wasser und Diiodmethan).
Wu wird mehr für niederenergetische Wechselwirkungen der Oberflächen, das
geometrische Mittel (Owens ...) mehr für Wechselwirkungen zwischen nieder- und
hochenergetischen Stoffen verwendet.
- van Oss, Chaudhury und Good (1987) fassen die Komponentenenergien
der drei elektrodynamischen Wechselwirkungen (London, Debey und Keesom) in einem
Lifshitz - Van der Waal - Anteil (LW) zusammen und bringen das Elektronen
Donor-Akzeptor-Konzept (do, a) ein, z.B:
γl,g
·
(1+cos
Θ) =
2·
(γl(LW)·
γs(LW))1/2
+ 2·
(γl(do)·
γs(a))1/2
+ 2·
(γl(a)·
γs(do))1/2
Gleichgewichtskontaktwinkel mit mindestens drei Testflüssigkeiten erlauben
also die Ermittlung.
In Ermangelung der Wahrheit bzw. wegen vieler "stoffklassentypischer Wirklichkeiten" werden
genannten alle Verfahren / Theorien heute verwendet.
Die Angabe einer ermittelten Festkörperoberflächenspannung macht die
Zusatzangabe der Berechnungsmethode erforderlich.
2.1 Thermodynamische Grundlage
Vergrößert man eine Fläche bei konst. Volumen um den Betrag dA, so ist damit die Arbeit dW
verbunden, der Proportionalitätsfaktor
γ ist die Oberflächenspannung:
dW =
γ·dA
[J] = [N·m-1·m2].
(Oberflächenspannung
mN/m und Oberflächenenergie mJ/m2 sind zahlengleich Werte)
Die zur Oberflächenbildung geleistete Arbeit ist zur
Volumenarbeit hinzuzuaddieren und leistet daher einen Beitrag zur Freien Energie
G. Für ein System mit veränderlicher Oberfläche
gilt somit die thermodynamische Gleichung:

Man findet die analoge Formulierung über die freie Enthalpie [4],
innere Energie (U),
F (Freie Energie [F=U -TS (Helmholz-Funktion)], G (Freie Enthalpie [G=H -TS (Gibbs-Funktion)]
Mit Entropie (S) der Temperatur (T), Druck (p) und Volumen (V) und µj
dem chemischen Potential der Komponente j mit der Teilchenzahl nj.
Man spricht jedoch im Allgemeinen von
freier Oberflächenenergie (surface free energy).
2.2 (ältere) Berechnungsmöglichkeiten und Ansätze
Molvolumen & Temperatur - Eötvös
Um die Oberflächenspannungen verschiedener Flüssigkeiten
miteinander vergleichen zu können wird die Oberflächenspannung molar
normiert. Die Größe Vm2/3
(molares Volumen hoch 2/3) legt eine Fläche fest, die unabhängig von
der Verbindung stets die gleiche Anzahl an Teilchen in der so definierten Mol-Oberfläche
enthält, nämlich NL2/3 (~ 7·1015 Teilchen).
Die mit dieser Fläche multiplizierte Oberflächenspannung heißt dann molare
Oberflächenspannung
γm [mN/m
·(m3/mol)2/3]=[mJ·mol-2/3
].
γm =
γ
·Vm2/3
Sie ist eine für den Vergleich
verschiedener Stoffe geeignete Größe und stellt die Arbeit dar, die
notwendig ist, um aus dem Innern der Flüssigkeit NL2/3 Moleküle entgegen
den zwischenmolekularen Anziehungskräften zur Oberfläche zu bringen.
Für viele normale Flüssigkeiten,
d.h. nicht assoziierte Flüssigkeiten, gelte die
Beziehung:
γm = kσ
·(TK'
- T) (Eötvös´sche
Regel)
TK' ist eine, ein wenig unter
der kritischen Temperatur TK
liegende Temperatur; T die betreffende Temperatur, die oberhalb der
Mitte zwischen der absoluten Temperatur (0 K) und TK zu wählen
ist. Die Gleichung wurde in Analogie zum allgemeinen Gasgesetz mit dem Theorem
der übereinstimmenden Zustände hergeleitet. Der
Temperaturkoeffizient kσ
(T/dT) ist eine Konstante (Eötvös-Konstante, nach R.
v. Eötvös 1848-1919)[5], sie sollte für
normale Flüssigkeiten also stets den gleichen Wert haben: kσ = 2.1 [10-7
J·mol-2/3·K-1].
Der Wert gelte z.B. für Hg, CS2,
CCl4, Nitrobenzol,
Benzaldehyd.
Abweichungen von diesem Wert deuten auf Assoziationen hin: Wasser 1.10,
Ethanol 1.08, Aceton 1.82, Essigsäure 1.30, Phenol 1.36 (Werte von
[4]
S.395).
Das folgende Diagramm stellt
für die drei darin bezeichneten Flüssigkeiten die Art des Zusammenhangs dar.

Es ist damit begreiflich, warum in
neueren Lehrbüchern auf Eötvös meistens verzichtet wird. Die Regel hilft
bzw. nützt kaum. Nach heutigem Verständnis ist die Assoziiertheit einer
Flüssigkeiten weitgehend aus der Strukturformel ersichtlich - für damals
(1885) bei Fettsäuren (Essigsäure) aus den Daten der Oberflächenspannung
Doppelmoleküle, wie später durch andere Verfahren bestätigt, vorherzusagen,
war gleichwohl eine respektable Leistung.
Molekülstruktur - Parachor
Die Oberflächenspannung einer
Flüssigkeit ist bei gegebener Temperatur abhängig von der Differenz der
Dichten der Flüssigkeit ρ
und des Dampfes ρd. Nach D. M.
MacLeod
gelte dafür die Gleichung:
γ1/4 / (ρ-ρd)
= k
Der Proportionalitätsfaktor k
sei unabhängig von der Temperatur. S. Sugden erhielt nach Umformung mit der
Molmasse M eine Größe, die er Parachor Pγ
nannte.
Pγ =
M k1/4 =
γ1/4
· M / (ρ-ρd)
Bei Temperaturen weit genug
unter der kritischen kann die Dichte des Dampfes
ρd
vernachlässigt werden und mit M/ρ
= Vm :
Pγ = Vm
·
γ1/4
Molekülparachore können aus der Summe der Atom- und
Bindungsparachore
berechnet werden und sollen auf Mischungen ebenfalls anwendbar sein.
Weitere
Ansätze zur Berechnung
Über
die Kohäsionsenergiedichte bzw. die Löslichkeitsparameter
(Hildebrand, Hansen) werden folgende Gleichungen angegeben[6a]:
(Michaels)
(Koehnen und Smolders)
(ΔEV
Verdampfungsenergie (ΔEV=ΔHV-RT);
Vm Molvolumen; K eine Konstante; δp,
δd Hildebrand-Parameter (δ=δd+δp+δh,
entsprechend dispersen, polaren und Kräften und den Wasserstoff-Brücken))
In diesem Zusammenhang kann auch über parachorartige Bindungs- und
Gruppeninkremente die Kohäsionsenergiedichte berechnet werden
(Tabellen [6a]).
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