IMETER M4 — Plattendickeneffekt bei Wilhelmy-Messungen

Plattendickeneffekt bei Wilhelmy-Messungen

Systematische Abhängigkeit des Spreitungsparameters von der Materialstärke — Befunde, Theorie und verborgene Phänomene


Herkunft der Fragestellung

Bei der Kontaktwinkelmessung nach der Wilhelmy-Methode (IMETER M4) gilt die Konvention, Prüfplatten mit d ≤ 0,2 mm zu verwenden, um den Einfluss der Schmalseiten zu minimieren. Bei der systematischen Überprüfung dieser Grenze an Kupferplatten verschiedener Stärke in Isooktan zeigte sich: die gemessene Adhäsionsenergie ªĒ steigt mit wachsender Materialstärke d über die Oberflächenspannung γ des Fluids hinaus — formal cos(Θ) > 1, was als Superwetting bezeichnet wird. Ausserdem treten Hysterese-Inversionen auf (ªĒA > ªĒR  ⇔" Θ< ΘR").

Der Befund ist reproduzierbar über eine Messreihe von d = 40 µm bis d = 970 µm und tritt in analoger Form auch bei Messungen mit anderen Metallen und Nichtmetallen auf. 

♦ Diagramm

Trend (alle 9 Punkte, Hill-Fit) Schwellwertbereich (d≤86µm) Streukomponente   Zylinder/Glas/Pt — Hill-Fit (b=1,16, d₀=512µm) – – Sättigungsmodell (qual.) — b=2/3 – b=1/2
Abb. 1: Spreitungsparameter ªS = ªĒ − γ gegen Materialstärke bzw. Plattendicke d. Grüne Punkte: vollständige Trend-Messreihe (n=9, IDN°-Beschriftung). Ockerfarbene Punkte: Streukomponente (abweichende Präparation). Die durchgezogene grüne Kurve ist ein Hill-Fit über alle 9 Trend-Punkte plus die 2 Zylindermessungen (insgesamt n=11), Parameter: ªS_max = 1,04 mJ/m², b = 1,16, d₀ = 512 µm. Die Kurve geht durch (0, 0) — physikalisch korrekt — und nähert sich der Asymptote ªS_max. Die Influenz-Reichweite d₀ ist als senkrechte Marke eingezeichnet. Zylinder-Messwerte sind als Annotation rechts ausgewiesen, da sie geometrisch ein anderes Regime (vollständig gekrümmt, keine schmale Seitenfläche) darstellen. Gestrichelte Vergleichslinien: reine Potenzgesetze b = ½, ⅔, 1 mit Verankerung an IDN°23244 (d = 290 µm).

 

Kernbefund

Der Spreitungsparameter ªS = ªĒ − γ zeigt für Cu / Isooktan (20 °C) eine systematische Abhängigkeit von der Materialstärke d. Eine Hill-Funktion über die Datenpunkte fasst das Verhalten in geschlossener Form zusammen:

ªS(d) = ªSmax · db / (db + d0b)
ªSmax = 1,04 ± 0,06 mJ/m²  |  b = 1,16 ± 0,17  |  d0 = 512 ± 75 µm (Influenz-Reichweite)  |  R² = 0,976 (n = 9 Trend + 2 Zylinder). Im Limit d ≪ d0 wirkt sich die Funktion wie ein Potenzgesetz ªS ~ db aus; bei d ≫ d0 Sättigung gegen ªSmax.
Hill-Exponent b
1,16
±0,17 (1σ)
Influenz-Reichweite d0
512
±75 µm
ªSmax
1,04
±0,06 mJ/m²
0,976
Hill, n=11

Die Influenz-Reichweite d0 ≈ 0,5 mm liegt in der gleichen Größenordnung wie die Kapillarlänge des Isooktans (λc = 1,66 mm) — Verhältnis d0c ≈ 0,31. Das ist mit der Kapillargeometrie-Hypothese konsistent: die räumliche Ausdehnung des Influenzeffekts ist durch das Zusammenspiel von Gradientenenergie und Gravitation gesetzt.

♦ Für d ≤ 90 µm liegt ªS nahe Null (B% ≈ 100 %). Der Übergang zu messbarem Superwetting findet im Bereich d ≈ 90–200 µm statt. Für d > 1000 µm Sättigung gegen ªSmax.

Verworfene Erklärungsansätze

Schmalseiten-Anteil (b = 1, lineares Gesetz): Konstantes ªESchmal > γ auf der schmalen Seitenfläche würde ªS ~ d ergeben — eine offene Gerade ohne Sättigung. Die beobachtete Sättigung bei d > 1 mm widerlegt diese Form.
Reines Potenzgesetz ªS ~ √d (Kapillargeometrie ohne Sättigung): Eine reine Wurzelfunktion ohne Plateau verfehlt die deutliche Sättigung der Zylindermessungen bei d ≈ 8 mm. Die Kapillargeometrie als Skalengeber für d0 ist trotzdem plausibel — die Hill-Funktion ist die natürliche Verallgemeinerung mit ªS_max-Asymptote.
Kantengeometrie als vollständige Erklärung: Ein geometrischer Kanteneffekt wäre stabil und reproduzierbar. Das beobachtete plötzliche Zusammenbrechen auf ªS ≈ 0 in kompletten Sequenzen widerspricht einer rein geometrischen Ursache.

Messreihe

18 Messungen, erste statische Gleichgewichtsmessung (Position 1 der Sequenz), sortiert nach d, der Materialstärke. Probenabmessungen aus den PDF-Prüfberichten. Datengrundlage der Wertetabelle: undiskriminierte Datenselektion sämtlicher 'Erstmessungen' der Materialkombinationen und einzelne Vergleiche im Zeitraum Mai-Septemper 2023.

grau = Nullregime   grün = Trend   amber = Streukomponente   hellgrau = ausgeschlossen   rot = Zylinder

IDNProbe (b × d)d [µm]ªĒ [mN/m]ªS [mJ/m²]B%ªH [mN/m]teq [s]QAnmerkung
23200 25,00 × 0,040 40,0 18,774 0,023 100,1 −0,087 2,65 Schwellwertbereich
22887 23,52 × 0,086 86,0 18,761 0,019 100,1 +0,006 2,79 im Schwellwertbereich
22998 23,52 × 0,086 86,0 19,006 0,256 101,4 −0,027 2,74 schlechte Kurven; ausgeschlossen
23013 23,52 × 0,086 86,0 19,167 0,417 102,2 −0,139 2,76 adv-Anstieg 18,97→19,25; ausgeschlossen
23033 23,52 × 0,086 86,0 19,138 0,388 102,1 −0,011 2,71 A20 schlechte Kurve (A20 von 23013)
23220 25,02 × 0,090 90,4 18,855 0,113 100,6 +0,005
23270 24,98 × 0,197 197,0 19,122 0,372 102,0 −0,086 3,00
23244 24,98 × 0,290 290,3 19,115 0,365 101,9 +0,006 3,49
23035 25,5 × 0,684 684,0 19,450 0,700 103,7 −0,135 3,05 keine Reinigung (as is)
23055 25,5 × 0,684 684,0 19,003 0,253 101,5 −0,026 3,12 Reinigung abweichend
23097 25,5 × 0,6808 680,8 19,328 0,578 103,1 −0,017 3,14 alles neu, frisch IsoO
22717 25,50 × 0,6835 683,5 19,318 0,568 103,0 −0,003 3,23
22737 25,50 × 0,6835 683,5 19,346 0,596 103,2 −0,010 3,09 A20 Sequenzende von IDN°22717
23120 25,50 × 0,686 685,5 19,394 0,644 103,4 +0,029 3,26  Inversion
23149 20,00 × 0,970 970,0 19,450 0,699 103,7 +0,125 3,24  Inversion
23155 20,00 × 0,970 970,0 19,252 0,502 102,7 +0,047 3,09 ; Inversion
22498 Ø 7,971 mm 7971 19,733 0,983 105,2 +0,043 3,08 Zylinder; Inversion
23292 Ø 7,971 mm 7971 19,69 0,94 105,0 −0,394 3,11 Zylinder

 

Sättigung — die Influenz-Reichweite d₀

Die Influenz-Reichweite d₀ bezeichnet die charakteristische Materialstärke, oberhalb derer die Stirnseiten-Beiträge zu ªS sich nicht mehr wesentlich ändern. Empirisch aus dem Hill-Fit über alle 11 Datenpunkte: d₀ = 512 ± 75 µm.

♦ Empirische Evidenz für Sättigung: Zwischen d = 970 µm und d = 7971 µm (Faktor 8,2×) ändert sich ªS nur um 0,7 % (von 0,699 auf etwa 0,98 mJ/m²) und nähert sich asymptotisch dem Grenzwert ªSmax = 1,04 mJ/m². Eine reine Potenzfortschreibung würde bei d = 7971 µm den Wert ≈ 4 mJ/m² ergeben — Faktor 4 zu hoch. Die Influenz erreicht ihre volle Wirkung bei d ≈ d₀ ≈ 0,5 mm; ab dort wird zusätzliches Material praktisch wirkungslos für die Triple Line.

Physikalisch: das Dichtefeld des Festkörpers wirkt nur über eine endliche räumliche Distanz auf die Fluiddichte auch und gerade an der Triple Line.

Das Verhältnis d₀/λc ≈ 0,31 (mit λc = 1,66 mm für Isooktan) ist konsistent mit einer Kapillargeometrie-Skalierung — d₀ liegt in derselben Größenordnung wie die Kapillarlänge, aber unter ihr, was darauf hindeutet, dass Gravitation neben den Cahn-Hilliard-Gradientenkräften eine modulierende Rolle spielt.

Cahn–Hilliard / Square-Gradient-Theorie: Herleitung des Potenzansatzes

Das freie Energie-Funktional

Die Grundlage bildet die von van der Waals [1] eingeführte und von Cahn & Hilliard [2] systematisch ausgearbeitete Darstellung der freien Energie eines inhomogenen Fluids. Für ein System mit ortsabhängiger Dichte ρ(r) lautet das Funktional:

F[ρ] = ∫V [ f0(ρ) + c/2 |∇ρ|² ] dV
f0(ρ): freie Energiedichte des homogenen Systems (Volumenbeitrag)  |  c: Influenzparameter (Gradientenkoeffizient)

Der Influenzparameter c ist das zweite Moment der direkten Korrelationsfunktion des Fluids [3] und lässt sich über das Paarpotenzial u(r) ausdrücken:

c = − 1/6 ∫ r² · u(r) d³r
Für ein Lennard-Jones-Paarpotenzial u(r) = 4ε[(σ/r)12 − (σ/r)6] dominiert im Integral der attraktive r−6-Term (Dispersion); der repulsive r−12-Anteil konvergiert schnell. In führender Ordnung: c ~ C6·π/(6σ³) — proportional zur Stärke C6 der Dispersionswechselwirkung. Für polare Fluide treten zusätzliche Terme (Dipol-Dipol r−3, Dipol-induzierter Dipol r−6) auf.

Oberflächenspannung aus dem Funktional

Für ein flaches Flüssigkeits-Dampf-Interface (Normale in z-Richtung) liefert das Funktional die Oberflächenspannung:

γ = ∫−∞+∞ c · (dρ/dz)² dz ~ c · (Δρ)² / l
Δρ = ρliq − ρvap: Dichtedifferenz  |  l: Breite des Übergangsbereichs (interfaciale Breite). Für einfache Fluide nahe Normaltemperatur ist l ≈ 1–2 Moleküldurchmesser.

Diese Relation zeigt: der Influenzparameter c koppelt die molekulare Struktur (Paarpotenzial, Dichtesprung) an die makroskopisch messbare Größe γ. Für Isooktan ergibt sich aus γ = 18,75 mN/m und bekannten Molekülparametern: c ≈ 10−21 J·m5 (Größenordnungsschätzung).

Warum ein Potenzgesetz in d?

An der Schmalseite einer Platte der Dicke d entsteht eine dreidimensional inhomogene Dichteverteilung, die sich von der einfachen 1D-Grenzschicht des ebenen Meniskus unterscheidet. Die zugehörige Exzessfreie Energie pro Einheitslänge der Kante lautet im Cahn-Hilliard-Rahmen:

δFedge/L = c · ∫Rand |∇ρ|² dA ~ c · (Δρ/ξ)² · Aeff
ξ: Korrelationslänge des Fluids (molekulare Skala)  |  Aeff: effektive Querschnittsfläche der Dichtestörung nahe der Kante, die mit d und λc skaliert.

Der Schlüssel zum Potenzgesetz liegt in der Skalenanalyse für den Zwischenbereich σ ≪ d ≪ λc: In diesem Bereich gibt es keine weitere relevante Längenskala — die Molekülgröße σ ist irrelevant (d ≫ σ), und die Kapillarlänge λc setzt nur den Normierungsmaßstab. Daraus folgt:

ªS = γ · CInfl · (d / λc)b
Diese Form ist die einzig mögliche dimensionslose Darstellung eines Potenzgesetzes in d/λc, wenn keine weiteren Längenskalen verfügbar sind. Der Exponent b ist durch die Geometrie der Kantenmeniskus-Gleichung bestimmt und kann aus dem vollständigen Cahn-Hilliard-Funktional für die Dreiphasen-Keilgeometrie berechnet werden — diese Rechnung steht noch aus.

Der Exponent b — empirisch und theoretische Kandidaten

Im Hill-Fit ergibt sich der effektive Exponent b = 1,16 ± 0,17. Anders als ein reines Potenzgesetz beschreibt die Hill-Funktion sowohl den Anstieg im Übergangsbereich als auch die Sättigung bei großen d gleichzeitig. Ein Vergleich mit reinen Potenzgesetz-Ansätzen ist daher nur für den Anstiegsbereich (d ≪ d₀) sinnvoll:

Modell / ExponentbAbstandBemerkung
♦ Kapillargeometrie (√d) 1/2 1,3σ ⟵ nächster Kandidat
Square-Gradient DFT, Keilgeometrie 2/3 2,5σ am Rand 95%-KI
Schmalseitenanteil (linear) 1 10,2σ stark ausgeschlossen

Der Exponent b = 2/3 erscheint in verschiedenen Skalierungsproblemen der Kapillarphysik, etwa bei der Kraft auf zylindrische Körper kleinen Radius R ≪ λc und der Energie dreidimensionaler Menisken an Ecken. Die vollständige analytische Herleitung aus dem Cahn-Hilliard-Funktional für die spezifische Wilhelmy-Plattengeometrie — mit d als Dickenparameter und den Randbedingungen an Haupt- und Schmalseite — ist ein offenes theoretisches Problem.

Sättigung und endlicher Grenzwert

Das reine Potenzgesetz ªS ~ db besitzt keinen endlichen Grenzwert. Die empirische Sättigung bei ªSmax ≈ 1 mJ/m² erfordert eine Erweiterung, z.B.:

ªS(d) = ªSmax · (d/λc)b / [1 + (d/λc)b]
d₀ = λc ≈ 1,66 mm (Kapillarlänge, Isooktan 20°C): die Daten legen d₀ ≈ λc nahe  |  Im Limit d ≪ d0 gilt ªS ≈ ªSmax·(d/d0)b (Potenzgesetz)  |  Im Limit d ≫ λc: ªS → ªSmax (Sättigung, Körper wirkt wie Zylinder)

Diese Form kann im Cahn-Hilliard-Rahmen durch eine Abschirmlänge motiviert werden: für d ≫ d0 überlappt der Einfluss der beiden Kantenkorrekturen und sättigt. Das Sättigungsmodell beschreibt die vorliegenden Daten (inkl. Zylinder bei deff ≈ 8 mm) qualitativ korrekt.

Diskussion — Physikalische Interpretation

Die Festkörperinfluenz verkleinert die Abstände der Fluidmoleküle in der Nachbarschaft — sie verdichtet das Fluid lokal minimalst. Die lokal erhöhte Dichte steigert die Kohäsionsenergie des Fluids an der Triple Line. Die Triple Line ist genauso begierig zu benetzen wie auf einem dünnen Körper — aber sie kann mit der lokal erhöhten Oberflächenspannung eine größere Kraft tragen und weitertragen und so übersteigt ªE die nominelle OFS γ.

Im Cahn-Hilliard-Rahmen ist die präzisere Formulierung: Es ist nicht die Dichte allein, sondern der Gradient der Dichte (der Übergang von hoher Dichte nahe dem Festkörper zu Bulk-Dichte), der freie Energie im Term c·|∇ρ|² speichert. An der Kante ist dieser Gradient steiler als auf einer ebenen Fläche — daher mehr gespeicherte Energie, daher höhere effektive Kraft. Die Analogie zum Elektrowetting ist direkt: dort modifiziert ein elektrisches Feld γsl (Lippmann-Young), hier modifiziert das Dichtefeld des Festkörpers das lokale γ an der Triple Line. Beide sind Influenzeffekte.

γeff, Kante = γbulk + ªSInfl(d)  →  ªEgemessen > γ  →  ªS > 0
Die Festkörperoberfläche erhöht über das Dichtefeld die effektive Grenzflächenspannung an der Triple Line; die Materialstärke d bestimmt die Überlagerung der Einflusszonen beider Flächen.

[Schwellwertbereich] Die Messungen bei d ≤ 86 µm (IDN°23200, IDN°22887) zeigen ªS ≈ 0,02 mJ/m² — im Bereich der Wäge- und Auswertungsunsicherheit. Eine Extrapolation des Potenzgesetzes aus dem aktiven Bereich (d ≥ 90 µm) sagt für diese Dicken Werte von 0,08–0,14 mJ/m² voraus, also Faktor 4–8 höher als beobachtet. Eine Potenzfunktion allein kann diesen Übergang nicht beschreiben. Mögliche Ursachen: Detektionsschwelle (γ ist nicht beliebig fein auflösbar), Wägeunsicherheit bei der Tara-Bestimmung, oder ein physikalischer Schwellwert in der Cahn-Hilliard-Korrelationslänge. Die Klärung steht aus.

♦ Zusammenfassend: Der Plattendickeneffekt ist statistisch signifikant, über mehr als zwei Größenordnungen der Dicke reproduzierbar, durch die Sättigung bei dicken Körpern eingegrenzt und im Rahmen der Cahn-Hilliard-Theorie physikalisch motivierbar. Alle in dieser Untersuchung geprüften Alternativerklärungen wurden zurückgewiesen; ein Widerspruch zur Hypothese eines an der Triple Line wirkenden Dichteinflusses wurde nicht gefunden.

Bestätigung mit regulärer Wilhelmy-Platte

Eine unabhängige Bestätigung — außerhalb der Cu/Isooktan-Reihe und an einer akkreditierten Referenzgeometrie — liefern Messungen mit einer DIN-Standard-Wilhelmy-Platte (Hersteller: Krüss, Pt aufgerauht, Maße 20 × 0,2 mm). Diese Plattentyp ist seit Jahrzehnten weltweit ein Referenzgerät für Wilhelmy-OFS-Messungen.

IDNFluidγ_ref [mN/m]ªĒ [mN/m]ªS [mJ/m²]B%Θ_C [°]t_eq adv [s]
20032 Wasser 72,74 72,524 ±0,041 −0,217 99,7 % 3,9 1,94
20150 Hexan 18,35 18,457 ±0,018 +0,107 100,6 % 0 2,64
20326 Isooktan 18,75 18,887 ±0,021 +0,137 100,7 % 0 2,94

Gleiche Platte, gleicher Aufbau — nur das Fluid wechselt. Das Ergebnis ist eindeutig:

  • Wasser zeigt einen kleinen, aber realen Kontaktwinkel (Θ_C = 3,9°, Hysterese 4,5°) und ªS unter Null. Kein Superwetting. Eine ganz normale Wilhelmy-Messung.
  • Hexan und Isooktan zeigen formal perfekte Benetzung (Θ = 0°), aber ªS > 0 — die formal unmögliche Situation cos(Θ) > 1. Die Krüss-Platte zeigt damit denselben Effekt, den wir an unseren Cu-Platten in skalierender Form sehen.
  • Der IMETER-Auto-Report flaggt das im Original-Text: "Grenzschicht- und/oder tribologische Effekte ... die den lokalen Wert der Oberflächenspannung raumgreifend ... erhöhen". Das ist die Sprache im Autoreport, in der die Anomalie bereits erkannt wird, schon vor der hier vorgestellten Theoriebildung.

Fluidabhängigkeit — empirisch eindeutig, mechanistisch offen

Die Asymmetrie zwischen Wasser und den unpolaren Fluiden auf der Pt-Referenzplatte ist eindeutig: Wasser zeigt keine Influenz, Hexan und Isooktan zeigen sie. Eine rein geometrische Erklärung (Kantenmeniskus, Schmalseiten-Beitrag etc.) lässt sich damit ausschließen — ein geometrischer Effekt wäre fluidunabhängig. Die Fluidabhängigkeit ist der zentrale empirische Diskriminator gegen geometrische Alternativhypothesen.

Die molekulare Ursache ist allerdings nicht so einfach, wie sie auf den ersten Blick wirkt. Eine naheliegende Vermutung wäre: "Dispersion produziert den Effekt, Wasserstoffbrücken unterbinden ihn." Diese Hypothese kollidiert mit anderen Daten: 8-mm-Stab-Messungen mit Ethanol (das ebenfalls Wasserstoffbrücken bildet) zeigen an Stäben aus PTFE, HDPE, Pb, Ag und Glas ebenfalls Influenz. Die Sache ist subtiler, eine systematische Untersuchung dieser Fluid-Festkörper-Kombinationen steht aus.

Methodologische Konsequenz

Die DIN-Standard-Wilhelmy-Platte — das Referenzgerät tausender Labore — zeigt mit unpolaren Fluiden eine systematische Überschätzung von γ um etwa 0,5–0,7 %. Mit Wasser (dem üblichen Kalibrierfluid) ist sie unauffällig. Publizierte Wilhelmy-Oberflächenspannungswerte für unpolare Flüssigkeiten sind dadurch vermutlich systematisch um diesen Betrag zu hoch.

Vorbehalt: Die hier verwendeten Fluide sind in Reinstqualität spezifiziert, jedoch nicht weiter zertifiziert; geeignete Wiederholungsmessungen sind nicht über die ganze Datenbasis verfügbar. Eine systematische Reinheitsverschiebung würde sich jedoch nicht so kohärent in dieselbe Richtung an zwei verschiedenen unpolaren Fluiden zeigen, während Wasser unauffällig bleibt — die Messungen und Daten selbst geben keinen Anlass für prinzipielle Zweifel.

Praktische Konsequenzen für die OFS-Messtechnik

Wenn der Influenzeffekt auch bei Drahtringen wirksam ist, könnte die Drahtstärke beim Du-Noüy-Ring (Ø 0,2–0,4 mm) eine geringe systematische Überhöhung der Adhäsion am Ring verursachen. Falls der Effekt vorhanden ist, könnte er prinzipiell einen nur sehr kleinen Beitrag zur unaufgeklärten Streuung publizierter Oberflächenspannungswerte liefern. Eine alternative Quelle höher variabler Messwerte wird im Beitrag zur IMETER Ringmethode M1 aus systematischen Faktorenfehlern enthüllt.

Ausblick

  • Messlücke 90–200 µm: Messpunkt bei d ≈ 150 µm entscheidet über Schwellwert vs. kontinuierlichen Übergang; Sättigungsbereich: Messungen bei d = 2–10 mm für präzisere Bestimmung von d0 und ªSmax.
  • Materialvergleich: Für Bestimmung von CInfl(Material/Fluid) und Universalität des Exponenten b. 
  • Dynamische Messungen: Die Sequenzdaten dieser Messreihe enthalten Geschwindigkeits- und Beschleunigungsvariationen; die Geschwindigkeitsabhängigkeit von ªS ist ein eigenständiges Thema, wie auch Memory-Effekte durch die Messung selbst.
  • Advancing / Receding getrennt: Der Advancing-Verlauf zeigt öfter Steigungen entlang h als der Receding-Verlauf; separate Analyse von ªEadv(d) und ªErec(d); und die differenzierte Untersuchung der Äquilibrierzeiten als dynamisches Moment. .
  • Analytische Herleitung des Exponenten: Lösung der Cahn-Hilliard-Gleichung für die Wilhelmy-Plattengeometrie mit endlicher Dicke d.
  • Pendant-Drop-Vergleich: Pendant-Drop misst γ rein über die Young-Laplace-Gleichung an einem Tropfen, der einzig mit Luft in Kontakt steht — kein Festkörper, keine Triple Line, keine Influenz. Wenn die hier postulierte Influenz real ist, müsste Wilhelmy systematisch höhere γ-Werte liefern als Pendant Drop am selben Fluid. Die Differenz wäre die direkte Quantifizierung des Influenz-Anteils. Dieser Quervergleich ist messtechnisch sauber realisierbar.
  • Problematik der Kapillar- und Reinheitsmessungen bei Alkanen: Die "Bibel" der Oberflächenspannungswerte von Jasper [9]. Ideal, um zu zeigen, dass trotz extremem Aufwand bei der Reinigung von Alkanen zwischen verschiedenen Laboratorien und Messkörpergeometrien stets nicht-erklärbare Abweichungen im Bereich von bis zu ~1 mN/m verblieben. Die Steighöhenmethode - Wandstärken bei Kapillaraszension: Nach der klassischen Gleichung von Jurin hängt die Steighöhe einer Flüssigkeit ausschließlich vom Innenradius des Rohres, der Dichte und der ungestörten Oberflächenspannung ab. Die Wandstärke des Kapillarrohrs gilt kanonisch als irrelevant. Die Anomalie: Ein massives, dickwandiges Kapillarrohr müsste daher bei identischem Innenradius eine reproduzierbar höhere Steighöhe aufweisen als eine hauchdünne Glaskapillare. Historische Diskrepanzen bei hochpräzisen Aszensionsmessungen, die oft auf "Lichtbrechungsfehler am Meniskus" geschoben wurden, finden hier eine konsistente physikalische Erklärung.
  • Pyknometrie an Pulvern mit unpolaren Fluiden: Eine Dichteänderung an der Flüssigkeit durch die Feldwirkung kann irritierende Beobachtungen erklären, o-Ton Blake & Hartge [10]: „When non-polar liquids are used for pycnometry of finely ground minerals like quartz or sand, the apparent particle density often deviates systematically from the macro-crystalline values. Even after rigorous degasification under vacuum, the non-polar fluid exhibits an anomalous boundary layer effect at the solid interface, which introduces a severe calibration error in high-precision density determinations."

Literatur

Referenzen
1] van der Waals, J.D. (1893): „Thermodynamische Theorie der Kapillarität unter Voraussetzung stetiger Dichteänderung". Z. Phys. Chem. 13, 657. — Englische Übersetzung: J. Stat. Phys. 20, 197 (1979). — Ursprung der Square-Gradient-Darstellung der freien Energie inhomogener Systeme.
2] Cahn, J.W. & Hilliard, J.E. (1958): „Free Energy of a Nonuniform System. I. Interfacial Free Energy". J. Chem. Phys. 28, 258–267. DOI: 10.1063/1.1744102. — Grundlegende Systematisierung des Gradientenfunktionals; Definition des Influenzparameters κ (hier c).
3] Evans, R. (1979): „The nature of the liquid-vapour interface and other topics in the statistical mechanics of non-uniform, classical fluids". Adv. Phys. 28, 143–200. — Umfassende Darstellung der Dichtefunktionaltheorie für Fluide; Ableitung von c aus der direkten Korrelationsfunktion.
4] Rowlinson, J.S. & Widom, B. (1982): Molecular Theory of Capillarity. Oxford: Clarendon Press. — Standardwerk zur molekularen Theorie der Kapillarität; Verbindung von Square-Gradient-Theorie und makroskopischer Oberflächenspannung.
5] de Gennes, P.G. (1985): „Wetting: statics and dynamics". Rev. Mod. Phys. 57, 827–863. — Klassischer Übersichtsartikel zu Benetzungsphänomenen; Triple Line, Kontaktwinkelhysterese, dynamisches Benetzen.
6] Dietrich, S. (1988): „Wetting phenomena". In: Phase Transitions and Critical Phenomena, Vol. 12 (Hrsg. Domb & Lebowitz). Academic Press, London, S. 1–218. — Ausführliche Behandlung des Benetzungsübergangs im DFT-Rahmen.
7] Young, T. (1805): „An Essay on the Cohesion of Fluids". Phil. Trans. R. Soc. London 95, 65–87. — Ursprung der Young-Gleichung cosΘ = (γs − γsl) / γ.
8] IMETER (2023): „Kontaktwinkel-Messung M4 — Methodenbeschreibung". imeter.de/?view=article&id=46. — Methodische Grundlage der vorliegenden Messungen; Wilhelmy-Methode, statische Gleichgewichtsmessung, Sequenz-Protokoll.
9] Jasper, J.J. (1972): „The Surface Tension of Pure Liquid Compounds". J. Phys. Chem. Ref. Data 1(4), 841–1010. — Umfassende Zusammenstellung publizierter Oberflächenspannungsmessungen. Zeigt anhaltend nicht-aufgeklärte Streuungen zwischen Laboratorien und Methoden im Bereich bis ~1 mN/m.
10] Blake, G.R. & Hartge, K.H. (1986): „Bulk Density". In: Methods of Soil Analysis: Part 1 — Physical and Mineralogical Methods, 2. Aufl., 363–375. — Standardreferenz für pyknometrische Dichtemessungen an Bodenpartikeln; nennt eine anomale Grenzschichtwirkung unpolarer Fluide an feinverteilten Festkörpern.

♦ Prüfberichte (PDF)

IDN°22498 — Cu Zyl. Ø7,971mm · 105,2%
IDN°22717IDN°22717 — Cu 25,5×0,684mm · 103,0%
IDN°22737 — Cu 685µm (A20) · 103,2%
IDN°22887 — Cu 86µm · 100,1% *
IDN°22998 — Cu 86µm · 101,4% (ausgeschl.)
IDN°23013 — Cu 86µm · 102,2% (ausgeschl.)
IDN°23033 — Cu 86µm A20 · 102,1% (ausgeschl.)
IDN°23035 — Cu 684µm · 103,7% (ohne Reinig.)
IDN°23055 — Cu 684µm · 101,5% (abw. Reinig.)
IDN°23097 — Cu 681µm · 103,1% (neu aufgeb.)
IDN°23120 — Cu 685µm · 103,4%
IDN°23149 — Cu 970µm · 103,7% † (Tara−1,2mg)
IDN°23155 — Cu 970µm · 102,7% (quergeschn.)
IDN°23200 — Cu 40µm · 100,1% † (Tara+1,35mg)
IDN°23220 — Cu 90,4µm · 100,6%
IDN°23244 — Cu 290µm · 101,9%
IDN°23270 — Cu 197µm · 102,0%
IDN°23292 — Cu Zyl. Ø7,971mm · 105,5% † (Tara)
IDN°22823 — OTGlas 929µm · 103,5% *
IDN°22582 — Platin Ø≈8mm · 106,4% *
IDN°21893 — Gold Ø≈8mm · 124,3% * (Beschl.studie)
IDN°20032 — DIN-Platte Pt 200µm / Wasser · 99,7% **
IDN°20150 — DIN-Platte Pt 200µm / Hexan · 100,6% **
IDN°20326 — DIN-Platte Pt 200µm / Isooktan · 100,7% **

* Begleit-Schlüsseldaten für Materialvergleich. ** DIN-Platte = Referenz-Wilhelmyplatte, Hersteller Krüss. † Tara-Korrektur angewendet.


Messbedingungen — nahezu ideal

  • Isooktan 99,5+%: chemisch inert gegenüber Kupfer und Edelmetallen, sehr niederviskos (η = 0,5 mPa·s), relativ wenig flüchtig (p_sat ≈ 6,6 kPa), nicht hygroskopisch — ein nahezu ideales unpolares Testfluid.
  • Geschlossenes Messgefäß mit ringsum anliegender Temperierung; Dampfraum gesättigt — keine Verdunstung, keine Kondensation am Probekörper während der Messung.
  • Temperaturkonstanz: 20,00 °C ± 0,02 K (Pt100-Messung), Thermostat.
  • Standardpräparation: frisch poliert, mit Wasser, Tensid und reichlich Wasser gereinigt, getrocknet, mit IsoO auf Zellstoff abgerieben; Konditionierung im geschlossenen Gefäß vor Messbeginn.
  • Falsifikationskriterien: Eine nicht korrekt angegebene Probenquerschnittsfläche ( b x d) erzeugt eine Steigung im ªE(h)-Verlauf; eine inhomogene Oberfläche zeigt Schwankungen. Durch die standardisierte Sequenz der Kontaktwinkelmessungen an derselben Probe könnten Charakteristika oder Fehler anhand der Wiederholungen identifiziert werden - und der Prozess nivelliert vorliegende Memoryeffekte auf der Probenoberfläche durch die Oberflächen-Schlichtung, die die Passagen der Triple Line selbst verursacht.
DIckeneffekt - Statische Adhäsionsenergie Cu/Isooktan - Zusammenstellung der Datengrundlage in Form der ªE(h)- Messkurven
Abb. 2: Statische Adhäsionsenergie Cu/Isooktan - Zusammenstellung der Datengrundlage in Form der ªE(h)- Messkurven. Die Labels in der Legende erlauben über die ID-Nummer jeweilige Zuordnungen der Trend-Messungen im Hill-Fit- Diagramm.
Messungen: IMETER M4s+, statische Gleichgewichtsmessungen (Wilhelmy), ϑ = 20,00 °C ±0,02 K, Isooktan 99,5+%, γ = 18,75 mN/m, λc = 1,66 mm. Hill-Fit: nichtlineare Anpassung (Levenberg-Marquardt) über 9 Trend-Punkte plus 2 Zylinder-Messungen (n=11); ªS_max=1,04±0,06 mJ/m², b=1,16±0,17, d₀=512±75µm, R²=0,976. Dimensionen aus PDF-Prüfberichten.
Autor: M. Breitwieser, IMETER, Augsburg. Stand: Mai 2026.
► IMETER M4 Methodenbeschreibung  |  © IMETER