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Kurzfassung: Das Doppelring-Tensiometer (DRT, Deutsches Patent AZ 10 2025 002.744, erteilt April 2026) misst Ober- und Grenzflächenspannung ohne empirische Korrekturfaktoren durch direkte Lösung der Young-Laplace-Gleichung — unter 1 mL Probenvolumen, experimentell bestätigt (Korrelation r = 0,9997). Im Submillimeterbereich bildet die kapillare Grenzfläche zusätzlich eine nahezu perfekte adaptive Optik (Strehl-Verhältnis 0,999). Anwendungen: Tensiometrie, Mikrooptik, Gassensorik, MEMS. Lizenzpartner gesucht; Patenteinsicht vor der amtlichen Veröffentlichung (Feb. 2027) unter NDA möglich.

IMETER · Messtechnik · Patent

Kapillarphysik neu instrumentiert:
das Doppelring-Tensiometer

Von der Grenzflächenspannung zur adaptiven Optik — ein Patent, das Grenzen verschiebt.

Das Doppelring-Tensiometer (DRT) ist eine erteilte Erfindung, die die Ringmethode nach Du Noüy von einem näherungsweisen Messverfahren in ein metrologi­sch exaktes und zugleich miniaturisierbares Werkzeug verwandelt. Sie ist der erste Schritt einer physikalisch sehr wesentlichen Verallgemeinerung: die kapillare Grenzfläche als Instrument — für Messung, Optik und Sensorik.


1   Das Problem: 90 Jahre Korrekturfaktoren

Die Ringmethode misst Ober- und Grenzflächenspannung über die Maximalkraft beim Herausziehen eines Platiniridium-Rings aus einer Flüssigkeit. Seit ihrer Einführung Anfang des 20. Jahrhunderts beruht die Auswertung auf empirischen Korrekturfaktoren (Harkins & Jordan, Fox & Chrisman, Zuidema & Waters), die Näherungen für die zugrundeliegende Physik darstellen. Diese Faktoren:

  • gelten nur für bestimmte Ring-Gefäß-Verhältnisse,
  • versagen bei kleinen Probenvolumina und abweichenden Geometrien,
  • führen zu systematischen Fehlern, die sich der Berechnung entziehen,
  • und begrenzen die Miniaturisierung auf Labormaßstäbe.

Das Minimum an Probenvolumen für eine korrekte Ringmethoden-Messung wird in der Fachliteratur und von Geräteherstellern typischerweise mit 10 mL angegeben, in der Praxis mit 5 mL. Kleinvolumenmessungen waren bisher nur mit der optischen Hängende-Tropfen-Methode möglich — die Transparenz des Messfluids voraussetzt und keine direkte Kraftmessung liefert.

Die Kernfrage, die 90 Jahre unbeantwortet blieb:
Warum wird die Young-Laplace-Gleichung, die die Physik der Grenzfläche exakt beschreibt, nicht direkt zur Auswertung verwendet — statt empirischer Tabellen?

Die Antwort des DRT: Sie wird es jetzt. Aber dazu war nicht nur eine andere Berechnung erforderlich, sondern eine neue apparative Grundlage.


2   Proof: 0,83 mL, Θ = 90°, Korrelation 0,9997

Im Juni 2025 wurde eine erste experimentelle Messung durchgeführt, die die Theorie direkt prüft: Wasser in einem Aluminiumgefäß (Ø18,75 mm, 3 mm tief), Probenvolumen 0,83 mL, Messring Ø13 mm. Die Auswertung erfolgte nach der DRT-Methode (Young-Laplace-Petzoldt) und zum direkten Vergleich nach den klassischen empirischen Verfahren.Das Diagramm zeigt Messwerte und berechnete Werte für Wasser und n-Dekan - praktisch deckungsgleich.
Die Übereinstimmung von Theorie und Experiment wird an 0.83 mL Probe gezeigt.

 

Messergebnis bei 25,4 °C — Vergleich der Berechnungsverfahren

Berechnungsverfahrenγ [mN/m]Abweichung vom SollwertBewertung
Young-Laplace-Petzoldt (DRT) 71,64 −0,4 % ✓ korrekt
Harkins & Jordan 77,95 +8,3 % ✗ Fehlschätzung
Zuidema & Waters 78,39 +8,9 % ✗ Fehlschätzung
Referenzwert Wasser 71,91 —  
Theorie & Experiment: Die 34 Kraft-Weg-Wertepaare der Messung stimmen mit den aus der Young-Laplace-Gleichung berechneten Sollwerten mit einem Korrelationskoeffizienten von r = 0,9997 überein. Die mittlere Differenz Messung−Theorie beträgt +0,009 mN — innerhalb der Messunsicherheit. 

Diese Messung ist bewusst unter ungünstigen Bedingungen durchgeführt worden: offene Atmosphäre, keine Dampfabsättigung, kein Temperierungsgefäß. Die erzielte Übereinstimmung ist damit umso aussagekräftiger. Die klassischen Korrekturfaktor-Methoden liefern für diese Geometrie Fehlschätzungen von über 8 % — vollständiges Versagen außerhalb ihres Gültigkeitsbereichs. 
Dokument dazu: DRT-Test-Wasser-1mL.pdf . 

Abb. 1: Lamellenauszug Wasser, Gefäß Ø 20 mm.
Kraft, Grenzflächenkontur, Fläche und Flächenänderung.

Abb. 2: Lamellenauszug Galinstan (Flüssigmetall), Gefäß Ø 0.2 mm.
Skalierung von 20 mm zu 200 µm: dieselbe Physik.

Die animierten Darstellungen zeigen den vollständigen Lamellenauszug mit allen relevanten Größen für zwei Skalierungen: Labor (Ø20 mm, Wasser) und Mikro (Ø200 µm, Galinstan® [Legierung aus Gallium, Indium und Zinn]). 


3   Die unerwartete Konsequenz: Kapillaroptik aus erster Hand

Die konsequente Analyse des Grenzflächenprofils bei Fmax führt zu einer Einsicht, die in der Patentschrift sorgfältig ausgearbeitet ist: Im Submillimeterbereich nimmt die kapillare Grenzfläche beim Ringauszug naturgesetzlich eine nahezu perfekte sphärische Form an — berechenbar, reproduzierbar, kraftgeregelt.

Die Grenzfläche innerhalb des Rings bildet einen konkaven Hohlspiegel oder eine plankonkave Linse, deren optische Qualität aus der Young-Laplace-Gleichung herleitbar ist. Für eine repräsentative Konfiguration (Gefäßradius 100 µm, Ring 65 µm, Galinstan als Messfluid):

Optische GrößePlankonkave Linse (Wasser)Hohlspiegel (Galinstan)
Strehl-Verhältnis bei Fmax 0,999 0,999
Numerische Apertur 0,254 0,909
Optische Auflösung (λ=500 nm) 2,4 µm 0,67 µm
Sphär. Aberration (LSA) 0,44 µm 0,11 µm
RMS-Formfehler 0,0012 µm 0,0012 µm
Brennweite (variabel) 144–413 µm 24–68 µm

Ein Strehl-Verhältnis von 0,999 gilt als nahezu beugungsbegrenzte Optik. Der RMS-Formfehler von 1,2 nm übertrifft geschliffene Präzisionsoptiken. Diese Qualität entsteht nicht durch Fertigung — sie entsteht durch Physik. Die kapillare Grenzfläche ist im DRT-Regime eine sich selbst bildende, sich selbst kalibrierende, kraftgeregelte Präzisionsoptik.

Die Brennweite ist über die Ringposition stufenlos einstellbar. Die zugehörige Kraft Fmax ist direkt messbar. Damit ist die Brennweite — ohne externe Referenz — aus der Messkraft berechenbar: eine kraftgekoppelte adaptive Optik mit intrinsischer Selbstkalibrierung.

Dies unterscheidet das DRT-Prinzip grundlegend von Elektrowetting-Flüssiglinsen (Varioptic, Optotune): keine Hochspannung, keine Durchschlaggefahr, keine Einschränkung auf bestimmte Fluid-Dielektrikum-Paare, und kein Verlust der Kraftrückkopplung bei Änderung der optischen Funktion.

Abb.3: Der Ring wird aus dem unteren Fluid heraus per Piezostapelaktuatoren bewegt und formt die Grenzfläche isochor - Akkomodation ohne Volumenänderung. -- Skizze eines gekapselten DRT Ø 200 µm, erschütterungsstabil, dicht, druckfest, lageunabhängig - für optische Zwecke.


4   Das Leuchtkomplexauge: eine DRT-Plattform

Im Submillimeterbereich werden Schwerkraft und Beschleunigung physikalisch bedeutungslos: Die Kapillarkräfte überwiegen die masseabhängigen Kräfte um viele Größenordnungen. Ein DRT dieser Baugröße ist damit lageunabhängig, erschütterungsunempfindlich und in beliebiger räumlicher Orientierung betreibbar.

Auf dieser Grundlage lässt sich ein Leuchtkomplexauge konzipieren: ein MEMS-basiertes Array aus DRT-Einheiten, das nach dem Vorbild des Insekten-Facettenauges (Ommatidium-Prinzip) mehrere Sinneszellen in einem Element vereint.

Ein DRT-Element als Ommatidium

Jede DRT-Einheit (Gefäßradius 100 µm, Messvolumen ~ 2 nL) kann gleichzeitig als:

  • Adaptive Optik — kraftgeregelte Linse oder Hohlspiegel, Fokus im Millisekunden-Bereich einstellbar,Facetten- oder Komplexauge; oculus compositus  (arktischer Krill; Bild Wikipedia)
  • Grenzflächenspannungssensor — Fmax zeigt Grenzflächenaktivität trägheitslos an,
  • Chemischer Sensor (Nase) — grenzflächenaktive Stoffe ändern Fmax messbar,
  • Akustischer Sensor/Sender — die Grenzfläche als Membran für Schall und Ultraschall,
  • Lichtquelle — Mikro-LED oder Quantenpunkt am oder unter der Grenzfläche

betrieben werden — aus einem einzigen, metrolo­gisch kohärenten physikalischen Prinzip.

Machbarkeit und Herstellung

Die Herstellung erfolgt durch etablierte MEMS-Techniken (Lithographie, DRIE, Wafer-Bonding). Ringförmige Piezo-Stapelaktuatoren (Außen-Ø 100 µm, Innen-Ø 65 µm) aus PZT, AlN oder ZnO übernehmen Positionierung und Kraftmessung in einem Bauelement. Die Prozesse sind CMOS-kompatibel. Batch-Fertigung auf Wafer-Ebene ermöglicht 2D-hexagonale oder 3D-sphärische Arrays.

Gegenüber früheren Ansätzen mit elastischen Membranen (PDMS, Silikon) bietet die DRT-Grenzfläche entscheidende Vorteile:

EigenschaftElastische MembranDRT-Kapillargrenzfläche
Optische Qualität Materialabhängig, Hysterese Physikalisch (Strehl 0,999)
Formgebung Elastizität verzerrt YLP-deterministisch, berechenbar
Kraftrückkopplung Piezo-Spannung indirekt Fmax = γ direkt
Chemosensorik Nicht verfügbar Intrinsisch über Fmax-Änderung
Fluidkompatibilität PDMS-begrenzt Sehr breit (inkl. Flüssigmetall)

Kosten für erste Prototypen werden auf 5.000–50.000 € für 100-Facetten-Arrays geschätzt, in Massenproduktion < 1.000 € (vergleichbar DMD-Chips, Texas Instruments).

Anwendungsfelder

Adaptive Mikrooptik (Endoskopie, Mobilkameras, Laser-Fokussierung), multimodale Sensorarrays (Sehen, Riechen, Hören in einem Chip), Robotik und KI-Schnittstellen, Weltraum- und Tiefseeinstru­mentierung (druckfest, lageunabhängig), Lab-on-a-Chip, Chromatographie-Detektoren, Brennstoffqualitätssensorik, Biophotonik und neuronale Interfaces.


5   Patentstatus und Lizenzierung

Das Deutsche Patent AZ 10 2025 002.744 (Anmeldung August 2025, Erteilung April 2026) schützt sowohl Vorrichtung als auch Verfahren. Eine Erweiterung auf europäisches und internationales Patent (EPA/PCT) wird vorbereitet.

IMETER ist kein Gerätehersteller im Industriemaßstab. Ziel ist es, das DRT-Prinzip durch Lizenzvereinbarungen in leistungsfähige Hände zu geben, die es in Produkte und Anwendungen übertragen können - in der Tensiometrie ebenso wie in der Mikro­optik, Sensorik und Medizintechnik.

Hinweis zur Verfügbarkeit:
Das Patent ist erteilt, aber noch nicht öffentlich zugänglich. Die amtliche Veröffentlichung durch das DPMA erfolgt voraussichtlich am 18. Februar 2027. Interessierte Partner können vor diesem Zeitpunkt vollständige Einsicht in Beschreibung und Ansprüche erhalten - und einen bedeutenden Zeitvorsprung nutzen - auf Anfrage unter NDA.

Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Die allgemeine wissenschaftliche Grundlage der Erfindung: imeter.de — Theorie der IMETER-Ringmethoden M1/M2


IMETER M4 — Plattendickeneffekt bei Wilhelmy-Messungen

IMETER › Kontaktwinkel M4 › Plattendickeneffekt · Superwetting

Plattendickeneffekt bei Wilhelmy-Messungen

Systematische Abhängigkeit des Spreitungsparameters von der Materialstärke — Befunde, Theorie und verborgene Phänomene
Inhalt
Kernbefund Verworfene Hypothesen Messreihe Sättigung Cahn–Hilliard / DFT Diskussion Bestätigung Praktische Konsequenzen Ausblick Literatur Prüfberichte Messbedingungen


Herkunft der Fragestellung

Bei der Kontaktwinkelmessung nach der Wilhelmy-Methode (IMETER M4) gilt die Konvention, Prüfplatten mit d ≤ 0,2 mm zu verwenden, um den Einfluss der Schmalseiten zu minimieren. Bei der systematischen Überprüfung dieser Grenze an Kupferplatten verschiedener Stärke in Isooktan zeigte sich: die gemessene Adhäsionsenergie ªĒ steigt mit wachsender Materialstärke d über die Oberflächenspannung γ des Fluids hinaus — formal cos(Θ) > 1, was als Superwetting bezeichnet wird. Ausserdem treten Hysterese-Inversionen auf (ªĒA > ªĒR  ⇔" ΘA < ΘR").

Der Befund ist reproduzierbar über eine Messreihe von d = 40 µm bis d = 970 µm und tritt in analoger Form auch bei Messungen mit anderen Metallen und Nichtmetallen auf. 

♦ Diagramm

● ● Trend (alle 9 Punkte, Hill-Fit) ○ ○ Schwellwertbereich (d≤86µm) ■ ■ Streukomponente  ▲ Zylinder/Glas/Pt — Hill-Fit (b=1,16, d₀=512µm) – – Sättigungsmodell (qual.) — b=2/3 – b=1/2
Abb. 1: Spreitungsparameter ªS = ªĒ − γ gegen Materialstärke bzw. Plattendicke d. Grüne Punkte: vollständige Trend-Messreihe (n=9, IDN°-Beschriftung). Ockerfarbene Punkte: Streukomponente (abweichende Präparation). Die durchgezogene grüne Kurve ist ein Hill-Fit über alle 9 Trend-Punkte plus die 2 Zylindermessungen (insgesamt n=11), Parameter: ªS_max = 1,04 mJ/m², b = 1,16, d₀ = 512 µm. Die Kurve geht durch (0, 0) — physikalisch korrekt — und nähert sich der Asymptote ªS_max. Die Influenz-Reichweite d₀ ist als senkrechte Marke eingezeichnet. Zylinder-Messwerte sind als Annotation rechts ausgewiesen, da sie geometrisch ein anderes Regime (vollständig gekrümmt, keine schmale Seitenfläche) darstellen. Gestrichelte Vergleichslinien: reine Potenzgesetze b = ½, ⅔, 1 mit Verankerung an IDN°23244 (d = 290 µm).

 

Kernbefund

Der Spreitungsparameter ªS = ªĒ − γ zeigt für Cu / Isooktan (20 °C) eine systematische Abhängigkeit von der Materialstärke d. Eine Hill-Funktion über die Datenpunkte fasst das Verhalten in geschlossener Form zusammen:

ªS(d) = ªSmax · db / (db + d0b)
ªSmax = 1,04 ± 0,06 mJ/m²  |  b = 1,16 ± 0,17  |  d0 = 512 ± 75 µm (Influenz-Reichweite)  |  R² = 0,976 (n = 9 Trend + 2 Zylinder). Im Limit d ≪ d0 wirkt sich die Funktion wie ein Potenzgesetz ªS ~ db aus; bei d ≫ d0 Sättigung gegen ªSmax.
Hill-Exponent b
1,16
±0,17 (1σ)
Influenz-Reichweite d0
512
±75 µm
ªSmax
1,04
±0,06 mJ/m²
R²
0,976
Hill, n=11

Die Influenz-Reichweite d0 ≈ 0,5 mm liegt in der gleichen Größenordnung wie die Kapillarlänge des Isooktans (λc = 1,66 mm) — Verhältnis d0/λc ≈ 0,31. Das ist mit der Kapillargeometrie-Hypothese konsistent: die räumliche Ausdehnung des Influenzeffekts ist durch das Zusammenspiel von Gradientenenergie und Gravitation gesetzt.

♦ Für d ≤ 90 µm liegt ªS nahe Null (B% ≈ 100 %). Der Übergang zu messbarem Superwetting findet im Bereich d ≈ 90–200 µm statt. Für d > 1000 µm Sättigung gegen ªSmax.

Verworfene Erklärungsansätze

Schmalseiten-Anteil (b = 1, lineares Gesetz): Konstantes ªESchmal > γ auf der schmalen Seitenfläche würde ªS ~ d ergeben — eine offene Gerade ohne Sättigung. Die beobachtete Sättigung bei d > 1 mm widerlegt diese Form.
Reines Potenzgesetz ªS ~ √d (Kapillargeometrie ohne Sättigung): Eine reine Wurzelfunktion ohne Plateau verfehlt die deutliche Sättigung der Zylindermessungen bei d ≈ 8 mm. Die Kapillargeometrie als Skalengeber für d0 ist trotzdem plausibel — die Hill-Funktion ist die natürliche Verallgemeinerung mit ªS_max-Asymptote.
Kantengeometrie als vollständige Erklärung: Ein geometrischer Kanteneffekt wäre stabil und reproduzierbar. Das beobachtete plötzliche Zusammenbrechen auf ªS ≈ 0 in kompletten Sequenzen widerspricht einer rein geometrischen Ursache.

Messreihe

18 Messungen, erste statische Gleichgewichtsmessung (Position 1 der Sequenz), sortiert nach d, der Materialstärke. Probenabmessungen aus den PDF-Prüfberichten. Datengrundlage der Wertetabelle: undiskriminierte Datenselektion sämtlicher 'Erstmessungen' der Materialkombinationen und einzelne Vergleiche im Zeitraum Mai-Septemper 2023.

grau = Nullregime   grün = Trend   amber = Streukomponente   hellgrau = ausgeschlossen   rot = Zylinder

IDNProbe (b × d)d [µm]ªĒ [mN/m]ªS [mJ/m²]B%ªH [mN/m]teq [s]QAnmerkung
23200 25,00 × 0,040 40,0 18,774 0,023 100,1 −0,087 2,65 ✓ Schwellwertbereich
22887 23,52 × 0,086 86,0 18,761 0,019 100,1 +0,006 2,79 ✓ im Schwellwertbereich
22998 23,52 × 0,086 86,0 19,006 0,256 101,4 −0,027 2,74 ✗ schlechte Kurven; ausgeschlossen
23013 23,52 × 0,086 86,0 19,167 0,417 102,2 −0,139 2,76 ✗ adv-Anstieg 18,97→19,25; ausgeschlossen
23033 23,52 × 0,086 86,0 19,138 0,388 102,1 −0,011 2,71 A20 schlechte Kurve (A20 von 23013)
23220 25,02 × 0,090 90,4 18,855 0,113 100,6 +0,005 — ✓ —
23270 24,98 × 0,197 197,0 19,122 0,372 102,0 −0,086 3,00 ✓ —
23244 24,98 × 0,290 290,3 19,115 0,365 101,9 +0,006 3,49 ✓ —
23035 25,5 × 0,684 684,0 19,450 0,700 103,7 −0,135 3,05 — keine Reinigung (as is)
23055 25,5 × 0,684 684,0 19,003 0,253 101,5 −0,026 3,12 — Reinigung abweichend
23097 25,5 × 0,6808 680,8 19,328 0,578 103,1 −0,017 3,14 ✓ alles neu, frisch IsoO
22717 25,50 × 0,6835 683,5 19,318 0,568 103,0 −0,003 3,23 ✓ —
22737 25,50 × 0,6835 683,5 19,346 0,596 103,2 −0,010 3,09 A20 Sequenzende von IDN°22717
23120 25,50 × 0,686 685,5 19,394 0,644 103,4 +0,029 3,26 ✓  Inversion
23149 20,00 × 0,970 970,0 19,450 0,699 103,7 +0,125 3,24 ✓  Inversion
23155 20,00 × 0,970 970,0 19,252 0,502 102,7 +0,047 3,09 — ; Inversion
22498 Ø 7,971 mm 7971 19,733 0,983 105,2 +0,043 3,08 ✓ Zylinder; Inversion
23292 Ø 7,971 mm 7971 19,69 0,94 105,0 −0,394 3,11 ✓ Zylinder

 

Sättigung — die Influenz-Reichweite d₀

Die Influenz-Reichweite d₀ bezeichnet die charakteristische Materialstärke, oberhalb derer die Stirnseiten-Beiträge zu ªS sich nicht mehr wesentlich ändern. Empirisch aus dem Hill-Fit über alle 11 Datenpunkte: d₀ = 512 ± 75 µm.

♦ Empirische Evidenz für Sättigung: Zwischen d = 970 µm und d = 7971 µm (Faktor 8,2×) ändert sich ªS nur um 0,7 % (von 0,699 auf etwa 0,98 mJ/m²) und nähert sich asymptotisch dem Grenzwert ªSmax = 1,04 mJ/m². Eine reine Potenzfortschreibung würde bei d = 7971 µm den Wert ≈ 4 mJ/m² ergeben — Faktor 4 zu hoch. Die Influenz erreicht ihre volle Wirkung bei d ≈ d₀ ≈ 0,5 mm; ab dort wird zusätzliches Material praktisch wirkungslos für die Triple Line.

Physikalisch: das Dichtefeld des Festkörpers wirkt nur über eine endliche räumliche Distanz auf die Fluiddichte auch und gerade an der Triple Line.

Das Verhältnis d₀/λc ≈ 0,31 (mit λc = 1,66 mm für Isooktan) ist konsistent mit einer Kapillargeometrie-Skalierung — d₀ liegt in derselben Größenordnung wie die Kapillarlänge, aber unter ihr, was darauf hindeutet, dass Gravitation neben den Cahn-Hilliard-Gradientenkräften eine modulierende Rolle spielt.

Cahn–Hilliard / Square-Gradient-Theorie: Herleitung des Potenzansatzes

Das freie Energie-Funktional

Die Grundlage bildet die von van der Waals [1] eingeführte und von Cahn & Hilliard [2] systematisch ausgearbeitete Darstellung der freien Energie eines inhomogenen Fluids. Für ein System mit ortsabhängiger Dichte ρ(r) lautet das Funktional:

F[ρ] = ∫V [ f0(ρ) + c/2 |∇ρ|² ] dV
f0(ρ): freie Energiedichte des homogenen Systems (Volumenbeitrag)  |  c: Influenzparameter (Gradientenkoeffizient)

Der Influenzparameter c ist das zweite Moment der direkten Korrelationsfunktion des Fluids [3] und lässt sich über das Paarpotenzial u(r) ausdrücken:

c = − 1/6 ∫ r² · u(r) d³r
Für ein Lennard-Jones-Paarpotenzial u(r) = 4ε[(σ/r)12 − (σ/r)6] dominiert im Integral der attraktive r−6-Term (Dispersion); der repulsive r−12-Anteil konvergiert schnell. In führender Ordnung: c ~ C6·π/(6σ³) — proportional zur Stärke C6 der Dispersionswechselwirkung. Für polare Fluide treten zusätzliche Terme (Dipol-Dipol r−3, Dipol-induzierter Dipol r−6) auf.

Oberflächenspannung aus dem Funktional

Für ein flaches Flüssigkeits-Dampf-Interface (Normale in z-Richtung) liefert das Funktional die Oberflächenspannung:

γ = ∫−∞+∞ c · (dρ/dz)² dz ~ c · (Δρ)² / l
Δρ = ρliq − ρvap: Dichtedifferenz  |  l: Breite des Übergangsbereichs (interfaciale Breite). Für einfache Fluide nahe Normaltemperatur ist l ≈ 1–2 Moleküldurchmesser.

Diese Relation zeigt: der Influenzparameter c koppelt die molekulare Struktur (Paarpotenzial, Dichtesprung) an die makroskopisch messbare Größe γ. Für Isooktan ergibt sich aus γ = 18,75 mN/m und bekannten Molekülparametern: c ≈ 10−21 J·m5 (Größenordnungsschätzung).

Warum ein Potenzgesetz in d?

An der Schmalseite einer Platte der Dicke d entsteht eine dreidimensional inhomogene Dichteverteilung, die sich von der einfachen 1D-Grenzschicht des ebenen Meniskus unterscheidet. Die zugehörige Exzessfreie Energie pro Einheitslänge der Kante lautet im Cahn-Hilliard-Rahmen:

δFedge/L = c · ∫Rand |∇ρ|² dA ~ c · (Δρ/ξ)² · Aeff
ξ: Korrelationslänge des Fluids (molekulare Skala)  |  Aeff: effektive Querschnittsfläche der Dichtestörung nahe der Kante, die mit d und λc skaliert.

Der Schlüssel zum Potenzgesetz liegt in der Skalenanalyse für den Zwischenbereich σ ≪ d ≪ λc: In diesem Bereich gibt es keine weitere relevante Längenskala — die Molekülgröße σ ist irrelevant (d ≫ σ), und die Kapillarlänge λc setzt nur den Normierungsmaßstab. Daraus folgt:

ªS = γ · CInfl · (d / λc)b
Diese Form ist die einzig mögliche dimensionslose Darstellung eines Potenzgesetzes in d/λc, wenn keine weiteren Längenskalen verfügbar sind. Der Exponent b ist durch die Geometrie der Kantenmeniskus-Gleichung bestimmt und kann aus dem vollständigen Cahn-Hilliard-Funktional für die Dreiphasen-Keilgeometrie berechnet werden — diese Rechnung steht noch aus.

Der Exponent b — empirisch und theoretische Kandidaten

Im Hill-Fit ergibt sich der effektive Exponent b = 1,16 ± 0,17. Anders als ein reines Potenzgesetz beschreibt die Hill-Funktion sowohl den Anstieg im Übergangsbereich als auch die Sättigung bei großen d gleichzeitig. Ein Vergleich mit reinen Potenzgesetz-Ansätzen ist daher nur für den Anstiegsbereich (d ≪ d₀) sinnvoll:

Modell / ExponentbAbstandBemerkung
♦ Kapillargeometrie (√d) 1/2 1,3σ ⟵ nächster Kandidat
Square-Gradient DFT, Keilgeometrie 2/3 2,5σ am Rand 95%-KI
Schmalseitenanteil (linear) 1 10,2σ stark ausgeschlossen

Der Exponent b = 2/3 erscheint in verschiedenen Skalierungsproblemen der Kapillarphysik, etwa bei der Kraft auf zylindrische Körper kleinen Radius R ≪ λc und der Energie dreidimensionaler Menisken an Ecken. Die vollständige analytische Herleitung aus dem Cahn-Hilliard-Funktional für die spezifische Wilhelmy-Plattengeometrie — mit d als Dickenparameter und den Randbedingungen an Haupt- und Schmalseite — ist ein offenes theoretisches Problem.

Sättigung und endlicher Grenzwert

Das reine Potenzgesetz ªS ~ db besitzt keinen endlichen Grenzwert. Die empirische Sättigung bei ªSmax ≈ 1 mJ/m² erfordert eine Erweiterung, z.B.:

ªS(d) = ªSmax · (d/λc)b / [1 + (d/λc)b]
d₀ = λc ≈ 1,66 mm (Kapillarlänge, Isooktan 20°C): die Daten legen d₀ ≈ λc nahe  |  Im Limit d ≪ d0 gilt ªS ≈ ªSmax·(d/d0)b (Potenzgesetz)  |  Im Limit d ≫ λc: ªS → ªSmax (Sättigung, Körper wirkt wie Zylinder)

Diese Form kann im Cahn-Hilliard-Rahmen durch eine Abschirmlänge motiviert werden: für d ≫ d0 überlappt der Einfluss der beiden Kantenkorrekturen und sättigt. Das Sättigungsmodell beschreibt die vorliegenden Daten (inkl. Zylinder bei deff ≈ 8 mm) qualitativ korrekt.

Diskussion — Physikalische Interpretation

Die Festkörperinfluenz verkleinert die Abstände der Fluidmoleküle in der Nachbarschaft — sie verdichtet das Fluid lokal minimalst. Die lokal erhöhte Dichte steigert die Kohäsionsenergie des Fluids an der Triple Line. Die Triple Line ist genauso begierig zu benetzen wie auf einem dünnen Körper — aber sie kann mit der lokal erhöhten Oberflächenspannung eine größere Kraft tragen und weitertragen und so übersteigt ªE die nominelle OFS γ.

Im Cahn-Hilliard-Rahmen ist die präzisere Formulierung: Es ist nicht die Dichte allein, sondern der Gradient der Dichte (der Übergang von hoher Dichte nahe dem Festkörper zu Bulk-Dichte), der freie Energie im Term c·|∇ρ|² speichert. An der Kante ist dieser Gradient steiler als auf einer ebenen Fläche — daher mehr gespeicherte Energie, daher höhere effektive Kraft. Die Analogie zum Elektrowetting ist direkt: dort modifiziert ein elektrisches Feld γsl (Lippmann-Young), hier modifiziert das Dichtefeld des Festkörpers das lokale γ an der Triple Line. Beide sind Influenzeffekte.

γeff, Kante = γbulk + ªSInfl(d)  →  ªEgemessen > γ  →  ªS > 0
Die Festkörperoberfläche erhöht über das Dichtefeld die effektive Grenzflächenspannung an der Triple Line; die Materialstärke d bestimmt die Überlagerung der Einflusszonen beider Flächen.

[Schwellwertbereich] Die Messungen bei d ≤ 86 µm (IDN°23200, IDN°22887) zeigen ªS ≈ 0,02 mJ/m² — im Bereich der Wäge- und Auswertungsunsicherheit. Eine Extrapolation des Potenzgesetzes aus dem aktiven Bereich (d ≥ 90 µm) sagt für diese Dicken Werte von 0,08–0,14 mJ/m² voraus, also Faktor 4–8 höher als beobachtet. Eine Potenzfunktion allein kann diesen Übergang nicht beschreiben. Mögliche Ursachen: Detektionsschwelle (γ ist nicht beliebig fein auflösbar), Wägeunsicherheit bei der Tara-Bestimmung, oder ein physikalischer Schwellwert in der Cahn-Hilliard-Korrelationslänge. Die Klärung steht aus.

♦ Zusammenfassend: Der Plattendickeneffekt ist statistisch signifikant, über mehr als zwei Größenordnungen der Dicke reproduzierbar, durch die Sättigung bei dicken Körpern eingegrenzt und im Rahmen der Cahn-Hilliard-Theorie physikalisch motivierbar. Alle in dieser Untersuchung geprüften Alternativerklärungen wurden zurückgewiesen; ein Widerspruch zur Hypothese eines an der Triple Line wirkenden Dichteinflusses wurde nicht gefunden.

Bestätigung mit regulärer Wilhelmy-Platte

Eine unabhängige Bestätigung — außerhalb der Cu/Isooktan-Reihe und an einer akkreditierten Referenzgeometrie — liefern Messungen mit einer DIN-Standard-Wilhelmy-Platte (Hersteller: Krüss, Pt aufgerauht, Maße 20 × 0,2 mm). Diese Plattentyp ist seit Jahrzehnten weltweit ein Referenzgerät für Wilhelmy-OFS-Messungen.

IDNFluidγ_ref [mN/m]ªĒ [mN/m]ªS [mJ/m²]B%Θ_C [°]t_eq adv [s]
20032 Wasser 72,74 72,524 ±0,041 −0,217 99,7 % 3,9 1,94
20150 Hexan 18,35 18,457 ±0,018 +0,107 100,6 % 0 2,64
20326 Isooktan 18,75 18,887 ±0,021 +0,137 100,7 % 0 2,94

Gleiche Platte, gleicher Aufbau — nur das Fluid wechselt. Das Ergebnis ist eindeutig:

  • Wasser zeigt einen kleinen, aber realen Kontaktwinkel (Θ_C = 3,9°, Hysterese 4,5°) und ªS unter Null. Kein Superwetting. Eine ganz normale Wilhelmy-Messung.
  • Hexan und Isooktan zeigen formal perfekte Benetzung (Θ = 0°), aber ªS > 0 — die formal unmögliche Situation cos(Θ) > 1. Die Krüss-Platte zeigt damit denselben Effekt, den wir an unseren Cu-Platten in skalierender Form sehen.
  • Der IMETER-Auto-Report flaggt das im Original-Text: "Grenzschicht- und/oder tribologische Effekte ... die den lokalen Wert der Oberflächenspannung raumgreifend ... erhöhen". Das ist die Sprache im Autoreport, in der die Anomalie bereits erkannt wird, schon vor der hier vorgestellten Theoriebildung.

Fluidabhängigkeit — empirisch eindeutig, mechanistisch offen

Die Asymmetrie zwischen Wasser und den unpolaren Fluiden auf der Pt-Referenzplatte ist eindeutig: Wasser zeigt keine Influenz, Hexan und Isooktan zeigen sie. Eine rein geometrische Erklärung (Kantenmeniskus, Schmalseiten-Beitrag etc.) lässt sich damit ausschließen — ein geometrischer Effekt wäre fluidunabhängig. Die Fluidabhängigkeit ist der zentrale empirische Diskriminator gegen geometrische Alternativhypothesen.

Die molekulare Ursache ist allerdings nicht so einfach, wie sie auf den ersten Blick wirkt. Eine naheliegende Vermutung wäre: "Dispersion produziert den Effekt, Wasserstoffbrücken unterbinden ihn." Diese Hypothese kollidiert mit anderen Daten: 8-mm-Stab-Messungen mit Ethanol (das ebenfalls Wasserstoffbrücken bildet) zeigen an Stäben aus PTFE, HDPE, Pb, Ag und Glas ebenfalls Influenz. Die Sache ist subtiler, eine systematische Untersuchung dieser Fluid-Festkörper-Kombinationen steht aus.

Methodologische Konsequenz

Die DIN-Standard-Wilhelmy-Platte — das Referenzgerät tausender Labore — zeigt mit unpolaren Fluiden eine systematische Überschätzung von γ um etwa 0,5–0,7 %. Mit Wasser (dem üblichen Kalibrierfluid) ist sie unauffällig. Publizierte Wilhelmy-Oberflächenspannungswerte für unpolare Flüssigkeiten sind dadurch vermutlich systematisch um diesen Betrag zu hoch.

Vorbehalt: Die hier verwendeten Fluide sind in Reinstqualität spezifiziert, jedoch nicht weiter zertifiziert; geeignete Wiederholungsmessungen sind nicht über die ganze Datenbasis verfügbar. Eine systematische Reinheitsverschiebung würde sich jedoch nicht so kohärent in dieselbe Richtung an zwei verschiedenen unpolaren Fluiden zeigen, während Wasser unauffällig bleibt — die Messungen und Daten selbst geben keinen Anlass für prinzipielle Zweifel.

Praktische Konsequenzen für die OFS-Messtechnik

Wenn der Influenzeffekt auch bei Drahtringen wirksam ist, könnte die Drahtstärke beim Du-Noüy-Ring (Ø 0,2–0,4 mm) eine geringe systematische Überhöhung der Adhäsion am Ring verursachen. Falls der Effekt vorhanden ist, könnte er prinzipiell einen nur sehr kleinen Beitrag zur unaufgeklärten Streuung publizierter Oberflächenspannungswerte liefern. Eine alternative Quelle höher variabler Messwerte wird im Beitrag zur IMETER Ringmethode M1 aus systematischen Faktorenfehlern enthüllt.

Ausblick

  • Messlücke 90–200 µm: Messpunkt bei d ≈ 150 µm entscheidet über Schwellwert vs. kontinuierlichen Übergang; Sättigungsbereich: Messungen bei d = 2–10 mm für präzisere Bestimmung von d0 und ªSmax.
  • Materialvergleich: Für Bestimmung von CInfl(Material/Fluid) und Universalität des Exponenten b. 
  • Dynamische Messungen: Die Sequenzdaten dieser Messreihe enthalten Geschwindigkeits- und Beschleunigungsvariationen; die Geschwindigkeitsabhängigkeit von ªS ist ein eigenständiges Thema, wie auch Memory-Effekte durch die Messung selbst.
  • Advancing / Receding getrennt: Der Advancing-Verlauf zeigt öfter Steigungen entlang h als der Receding-Verlauf; separate Analyse von ªEadv(d) und ªErec(d); und die differenzierte Untersuchung der Äquilibrierzeiten als dynamisches Moment. .
  • Analytische Herleitung des Exponenten: Lösung der Cahn-Hilliard-Gleichung für die Wilhelmy-Plattengeometrie mit endlicher Dicke d.
  • Pendant-Drop-Vergleich: Pendant-Drop misst γ rein über die Young-Laplace-Gleichung an einem Tropfen, der einzig mit Luft in Kontakt steht — kein Festkörper, keine Triple Line, keine Influenz. Wenn die hier postulierte Influenz real ist, müsste Wilhelmy systematisch höhere γ-Werte liefern als Pendant Drop am selben Fluid. Die Differenz wäre die direkte Quantifizierung des Influenz-Anteils. Dieser Quervergleich ist messtechnisch sauber realisierbar.
  • Problematik der Kapillar- und Reinheitsmessungen bei Alkanen: Die "Bibel" der Oberflächenspannungswerte von Jasper [9]. Ideal, um zu zeigen, dass trotz extremem Aufwand bei der Reinigung von Alkanen zwischen verschiedenen Laboratorien und Messkörpergeometrien stets nicht-erklärbare Abweichungen im Bereich von bis zu ~1 mN/m verblieben. Die Steighöhenmethode - Wandstärken bei Kapillaraszension: Nach der klassischen Gleichung von Jurin hängt die Steighöhe einer Flüssigkeit ausschließlich vom Innenradius des Rohres, der Dichte und der ungestörten Oberflächenspannung ab. Die Wandstärke des Kapillarrohrs gilt kanonisch als irrelevant. Die Anomalie: Ein massives, dickwandiges Kapillarrohr müsste daher bei identischem Innenradius eine reproduzierbar höhere Steighöhe aufweisen als eine hauchdünne Glaskapillare. Historische Diskrepanzen bei hochpräzisen Aszensionsmessungen, die oft auf "Lichtbrechungsfehler am Meniskus" geschoben wurden, finden hier eine konsistente physikalische Erklärung.
  • Pyknometrie an Pulvern mit unpolaren Fluiden: Eine Dichteänderung an der Flüssigkeit durch die Feldwirkung kann irritierende Beobachtungen erklären, o-Ton Blake & Hartge [10]: „When non-polar liquids are used for pycnometry of finely ground minerals like quartz or sand, the apparent particle density often deviates systematically from the macro-crystalline values. Even after rigorous degasification under vacuum, the non-polar fluid exhibits an anomalous boundary layer effect at the solid interface, which introduces a severe calibration error in high-precision density determinations."

Literatur

Referenzen
1] van der Waals, J.D. (1893): „Thermodynamische Theorie der Kapillarität unter Voraussetzung stetiger Dichteänderung". Z. Phys. Chem. 13, 657. — Englische Übersetzung: J. Stat. Phys. 20, 197 (1979). — Ursprung der Square-Gradient-Darstellung der freien Energie inhomogener Systeme.
2] Cahn, J.W. & Hilliard, J.E. (1958): „Free Energy of a Nonuniform System. I. Interfacial Free Energy". J. Chem. Phys. 28, 258–267. DOI: 10.1063/1.1744102. — Grundlegende Systematisierung des Gradientenfunktionals; Definition des Influenzparameters κ (hier c).
3] Evans, R. (1979): „The nature of the liquid-vapour interface and other topics in the statistical mechanics of non-uniform, classical fluids". Adv. Phys. 28, 143–200. — Umfassende Darstellung der Dichtefunktionaltheorie für Fluide; Ableitung von c aus der direkten Korrelationsfunktion.
4] Rowlinson, J.S. & Widom, B. (1982): Molecular Theory of Capillarity. Oxford: Clarendon Press. — Standardwerk zur molekularen Theorie der Kapillarität; Verbindung von Square-Gradient-Theorie und makroskopischer Oberflächenspannung.
5] de Gennes, P.G. (1985): „Wetting: statics and dynamics". Rev. Mod. Phys. 57, 827–863. — Klassischer Übersichtsartikel zu Benetzungsphänomenen; Triple Line, Kontaktwinkelhysterese, dynamisches Benetzen.
6] Dietrich, S. (1988): „Wetting phenomena". In: Phase Transitions and Critical Phenomena, Vol. 12 (Hrsg. Domb & Lebowitz). Academic Press, London, S. 1–218. — Ausführliche Behandlung des Benetzungsübergangs im DFT-Rahmen.
7] Young, T. (1805): „An Essay on the Cohesion of Fluids". Phil. Trans. R. Soc. London 95, 65–87. — Ursprung der Young-Gleichung cosΘ = (γs − γsl) / γ.
8] IMETER (2023): „Kontaktwinkel-Messung M4 — Methodenbeschreibung". imeter.de/?view=article&id=46. — Methodische Grundlage der vorliegenden Messungen; Wilhelmy-Methode, statische Gleichgewichtsmessung, Sequenz-Protokoll.
9] Jasper, J.J. (1972): „The Surface Tension of Pure Liquid Compounds". J. Phys. Chem. Ref. Data 1(4), 841–1010. — Umfassende Zusammenstellung publizierter Oberflächenspannungsmessungen. Zeigt anhaltend nicht-aufgeklärte Streuungen zwischen Laboratorien und Methoden im Bereich bis ~1 mN/m.
10] Blake, G.R. & Hartge, K.H. (1986): „Bulk Density". In: Methods of Soil Analysis: Part 1 — Physical and Mineralogical Methods, 2. Aufl., 363–375. — Standardreferenz für pyknometrische Dichtemessungen an Bodenpartikeln; nennt eine anomale Grenzschichtwirkung unpolarer Fluide an feinverteilten Festkörpern.

♦ Prüfberichte (PDF)

IDN°22498 — Cu Zyl. Ø7,971mm · 105,2%
IDN°22717IDN°22717 — Cu 25,5×0,684mm · 103,0%
IDN°22737 — Cu 685µm (A20) · 103,2%
IDN°22887 — Cu 86µm · 100,1% *
IDN°22998 — Cu 86µm · 101,4% (ausgeschl.)
IDN°23013 — Cu 86µm · 102,2% (ausgeschl.)
IDN°23033 — Cu 86µm A20 · 102,1% (ausgeschl.)
IDN°23035 — Cu 684µm · 103,7% (ohne Reinig.)
IDN°23055 — Cu 684µm · 101,5% (abw. Reinig.)
IDN°23097 — Cu 681µm · 103,1% (neu aufgeb.)
IDN°23120 — Cu 685µm · 103,4%
IDN°23149 — Cu 970µm · 103,7% † (Tara−1,2mg)
IDN°23155 — Cu 970µm · 102,7% (quergeschn.)
IDN°23200 — Cu 40µm · 100,1% † (Tara+1,35mg)
IDN°23220 — Cu 90,4µm · 100,6%
IDN°23244 — Cu 290µm · 101,9%
IDN°23270 — Cu 197µm · 102,0%
IDN°23292 — Cu Zyl. Ø7,971mm · 105,5% † (Tara)
IDN°22823 — OTGlas 929µm · 103,5% *
IDN°22582 — Platin Ø≈8mm · 106,4% *
IDN°21893 — Gold Ø≈8mm · 124,3% * (Beschl.studie)
IDN°20032 — DIN-Platte Pt 200µm / Wasser · 99,7% **
IDN°20150 — DIN-Platte Pt 200µm / Hexan · 100,6% **
IDN°20326 — DIN-Platte Pt 200µm / Isooktan · 100,7% **

* Begleit-Schlüsseldaten für Materialvergleich. ** DIN-Platte = Referenz-Wilhelmyplatte, Hersteller Krüss. † Tara-Korrektur angewendet.


Messbedingungen — nahezu ideal

  • Isooktan 99,5+%: chemisch inert gegenüber Kupfer und Edelmetallen, sehr niederviskos (η = 0,5 mPa·s), relativ wenig flüchtig (p_sat ≈ 6,6 kPa), nicht hygroskopisch — ein nahezu ideales unpolares Testfluid.
  • Geschlossenes Messgefäß mit ringsum anliegender Temperierung; Dampfraum gesättigt — keine Verdunstung, keine Kondensation am Probekörper während der Messung.
  • Temperaturkonstanz: 20,00 °C ± 0,02 K (Pt100-Messung), Thermostat.
  • Standardpräparation: frisch poliert, mit Wasser, Tensid und reichlich Wasser gereinigt, getrocknet, mit IsoO auf Zellstoff abgerieben; Konditionierung im geschlossenen Gefäß vor Messbeginn.
  • Falsifikationskriterien: Eine nicht korrekt angegebene Probenquerschnittsfläche ( b x d) erzeugt eine Steigung im ªE(h)-Verlauf; eine inhomogene Oberfläche zeigt Schwankungen. Durch die standardisierte Sequenz der Kontaktwinkelmessungen an derselben Probe könnten Charakteristika oder Fehler anhand der Wiederholungen identifiziert werden - und der Prozess nivelliert vorliegende Memoryeffekte auf der Probenoberfläche durch die Oberflächen-Schlichtung, die die Passagen der Triple Line selbst verursacht.
DIckeneffekt - Statische Adhäsionsenergie Cu/Isooktan - Zusammenstellung der Datengrundlage in Form der ªE(h)- Messkurven
Abb. 2: Statische Adhäsionsenergie Cu/Isooktan - Zusammenstellung der Datengrundlage in Form der ªE(h)- Messkurven. Die Labels in der Legende erlauben über die ID-Nummer jeweilige Zuordnungen der Trend-Messungen im Hill-Fit- Diagramm.
Messungen: IMETER M4s+, statische Gleichgewichtsmessungen (Wilhelmy), ϑ = 20,00 °C ±0,02 K, Isooktan 99,5+%, γ = 18,75 mN/m, λc = 1,66 mm. Hill-Fit: nichtlineare Anpassung (Levenberg-Marquardt) über 9 Trend-Punkte plus 2 Zylinder-Messungen (n=11); ªS_max=1,04±0,06 mJ/m², b=1,16±0,17, d₀=512±75µm, R²=0,976. Dimensionen aus PDF-Prüfberichten.
Autor: M. Breitwieser, IMETER, Augsburg. Stand: Mai 2026.
► IMETER M4 Methodenbeschreibung  |  © IMETER

1 Phänomen & Begriffe

1.1 Herkunft von Ober- und Grenzflächenspannung
1.2 Physiologische Aspekte
1.3 Beispiele zur Messung der Grenzflächenspannung
1.4 Benetzung, Kontaktwinkel, Kontaktwinkelhysterese
1.5 Ermittlung der Festkörperoberflächenenergie
1.6 Deutung der Ober- und Grenzflächenenergie nach OGC
1.7 Anwendungen im IMETER-Framework
2.1 Thermodynamische Grundlage
2.2 (ältere) Berechnungsmöglichkeiten und Ansätze
2.3 Anreicherung an Grenzflächen, CMC
Zur Seite ► Begriffe, Messprinzipien und Geräte

 

Die Oberflächenspannung ist neben Dichte und Viskosität die dritte wichtige Eigenschaft von Flüssigkeiten. Die relative Größe des Wertes der Oberflächenspannung (γ) ist augenfällig: Etwas in eine Schale gegebenes Quecksilber gleitet in Form ziemlich perfekter Kügelchen am Gefäßboden herum; dabei würde Stare mit GFS Ein Schwarm Stare: Es bildet sich näherungsweise eine Minimaloberfläche, weil kein Vogel gerne außen fliegt (insbesondere, wenn ein Falke jagt). - Bei Flüssigkeiten führt die gegenseitige Anziehung der  Teilchen zum gleichen Phänomen. eigentlich die hohe Dichte - ein Liter davon wiegt immerhin rund 14 Kilogramm - jedes Tröpfchen flunderplatt drücken. Der Schwerkraft stemmt sich die Oberflächenspannung entgegen. Sie ist bei Quecksilber sehr groß (γ=484 mN/m). Ein Tropfen Öl (mit γ ~ 30-40mN/m) verhält sich bekanntermaßen anders: obwohl die Dichte viel geringer ist, zerfließen Öltröpfchen zu dünnen Filmen. Ursache der Ober- und Grenzflächenspannung ist die gegenseitige Anziehung der Teilchen die in flüssigem Metallen offenbar sehr hoch ist. Extrem beweglich, wie ohne Haut, wirken demgegenüber kleine Spannungen, wie sie als Grenzflächenspannungen von < 5 mN/m zwischen Benzin und Seifenwasser – nach sehr vorsichtigem überschichten – sichtbar werden können. Effekte der Grenzflächenspannung zu festen Stoffen kennt man im Übrigen aus der Anschauung: Öl in der Teflonpfanne lässt sich auf dieser Oberfläche nicht gut zu einem Film verteilen (spreiten), es hat den unbedingten Drang wieder zusammenzufließen, um so möglichst wenig der Teflonfläche zu bedecken (benetzen). Andererseits kann man Stahlpfannen mühelos mit einem Ölfilm bestreichen. Während im ersten Fall Teflon eine geringe Oberflächenenergie hat, die geringer als die des Öls ist, ist die des Stahls größer. Wie die Begriffe "Ober- bzw. Grenzflächenenergie" schon andeuteten, sind Energien am Werk – und diese suchen sich zu minimieren. Der Energieinhalt des Systems ist minimal, wenn das Öl die Metalloberfläche bedeckt bzw. die des Teflons eben nicht. Der Braten in einer teflonbeschichteten oder unbeschichteten Pfanne gibt im mehr oder weniger festgeklebten Resultat einen fühlbaren Zusammenhang mit der Adhäsion wieder.

 

1.1 Herkunft von Ober- und Grenzflächenspannung  

 

Phasen Mie lenard-JonesKraft zwischen zwei  Teilchen als Funktion des  Abstands: Das Lennard-Jones-(12,6)-Potential mit anziehenden Kräften in 6., abstoßender in 12. Potenz. Minimumpotential bei Teilchenabstand rm grenzen zwischen nichtmischbaren Flüssigkeiten, festen und flüssigen Stoffen oder verschiedenen Körpern, die beiden zugehören, sind Grenzflächen. Wird von Oberflächenspannung bzw. -energie gesprochen, ist die Tension an der Phasengrenze zur Luft (Inertgas, mit dem Dampf der Flüssigkeit gesättigter Luft) gemeint. Zur Unterscheidung bezeichnet Grenzflächenspannung die entsprechende Kraft zwischen kondensierten Phasen. Die Stärke der Grenzflächenspannung ist erkennbar, wenn man beispielsweise zwei nichtmischbare Flüssigkeiten vermengt. Die Phasen trennen sich umso schneller, je größer die Grenzflächenspannung ist – man erhält ein margarineartiges Etwas (Emulsion) bei sehr geringen Grenzflächenspannungen oder eine homogene Lösung. Ober- und Grenzflächenspannung beruhen auf gegenseitiger Anziehung der Teilchen. Gäbe es diese anziehenden (attraktiven) Kräfte nicht, gäbe es keine Phasen, alles wäre Gas. Andererseits gibt es auch abstoßende (repulsive) Kräfte, denn Materie fällt ja nicht in sich zusammen. Die sowohl attraktiv wie repulsiv wirkenden Kräfte (F) sind in den molekularen Dimensionen jedoch von ganz anderer Natur als Schwerkraft oder elektrostatische Kraft. Schwerkraft, elektrostatische und magnetische Kräfte nehmen mit dem Quadrat des Abstand ab (F~1/r2). Wenn molekulare Kräfte ebenso weit reichende Wirkungen hätten wie die Gravitation, die Sonnensysteme zusammenhält, dann würde ganz analog die Oberflächenspannung von der Flüssigkeitsmenge abhängen (bei Nanoteilchen!). - Tatsächlich nehmen molekular anziehende Kräfte in höherer Potenz (F~1/r6) bei Annäherung zu und werden durch abstoßende Kräfte, die in 8- bis 16-Facher Potenz wachsen, vor weiterer Annäherung abgehalten (Mie-, Lennard-Jones- Potential; Abb. links)[72]. Atomar/Molekular attraktive wie repulsive Kraftwirkungen fallen mit dem Abstand in hoher Potenz dramatisch ab und haben folglich nur sehr geringe Reichweiten.

 

Die  Stärke der Grenzflächenspannung beim Kontakt zweier nicht mischbarer Flüssigkeiten, z.B. Öl auf Wasser, mag sich auf den ersten Blick vielleicht einfach aus der Differenz der Oberflächenspannungen von Öl und Wasser ergeben. Das zumindest ist eine Abschätzung aus der Erfahrung. Wenn z.B. die Grenzfläche von Hexan (γ=18 mN/m) und Wasser (γ=73 mN/m) als sich berührende Oberfläche von Hexan und Oberfläche von Wasser angesehen wird, dann würde physikalisch gesehen für eine Doppeloberfläche die Grenzflächenspannung als Summe beider Oberflächenspannungen auftreten (91 mN/m). Dergleichen ist aber nicht der Fall - dergleichen würde schon augenscheinlich aufgefallen sein.

Tatsächlich beträgt die Grenzflächenspannung zwischen Wasser und Hexan 51 mN/m.  Die Antonowsche Regel (1907) [67, S.107, 13, S.100] besagt, die Grenzflächenspannung zwischen zwei Flüssigkeiten sei gleich der Differenz der Oberflächenspannungen beider Flüssigkeiten gegen die Luft (bzw. oder gegen adsorbierte Filme der je anderen Flüssigkeit). Diese 'Regel' hat zu viele Ausnahmen. Und die Differenz der Oberflächenspannungen von Wasser und Hexan beträgt 58 mN/m. Misst man die Grenzflächenspannung (γ13) zwischen Toluol (28 mN/m) und Formamid  (57 mN/m), erhält man nicht 29 mN/m sondern γ13 etwa 14 mN/m (Diagramm 1, unten). Dies zusammen veranschaulicht, dass diese Kräfte offenbar nicht nach einer einfachen Arithmetik kalkulierbar sind. - Innerhalb einer Flüssig­keit kompensieren sich Anziehungs-­ wie Abstoßungskräfte infolge der allseitig gleichen Beeinflussung (in ihrer Potentialmulde der Abstandsenergien). An der Oberfläche hingegen werden Kräfte auf dieser Seite durch die angrenzende Gasphase praktisch nicht erwidert, so dass eine senkrecht zur Flüssigkeits­oberfläche nach innen gerichtete Kraft resultiert (roter Pfeil in Abb.1, rechts). Analoges gilt zwischen nichtmischbaren Flüssigkeiten, nur, dass eben ein Teil der Kräfte über die Grenzfläche offenbar ausgetauscht wird. Würden gar keine Kräfte ausgetauscht, könnte man eine Flüssigkeit von der anderen herunterpusten und die Oberflächenspannung wäre gleich der Grenzflächenspannung. Würden demgegenüber alle Kräfte ausgetauscht, dann vermischten sich die Flüssigkeiten völlig ineinander. Weil die Kräfte offenbar nicht ganz kompatibel sind und sich nicht so erwidern, wie in der jeweilig eigenen Phase, sind die Phasen separiert. Die einfachste Lösung des Problems besteht in der Annahme, dass (mindestens) zwei unverwandte Kräfte am Werk sind, die man mit unpolar und polar bezeichnet.

Unter den unpolaren Wechselwirkungen versteht man im engeren Sinne die sog. London-Kräfte (Fritz London 1930). Sie sind in jedem Material vorhanden und kommen zustande, indem Fluktuationen der Elektronendichten ein Dipolmoment erzeugen, das sich über Atome/Moleküle hinweg durch Induktion synchronisiert und damit wechselseitig anziehend wirkt. London-Kräfte beruhen auf der Polarisierbarkeit (Weichheit & Ausmaß) der Elektronenwolke. Sie wirken immer anziehend und können sich additiv verstärken. Ein permanenter Dipol (Teilchen mit asymmetrischer Ladungsverteilung) polarisiert entsprechend die Nachbarschaft und entfaltet dadurch Wechselwirkung. Diese Dipol-induzierte-Dipol-Kräfte heißen Debey-Wechselwirkungen (P. Debey 1921).
ZurObe1
Abb.1:
Oberfläche? Eine Flüssigkeitsoberfläche endet sehr abrupt, die Dichte ändert sich um den Faktor ~1000 über die Strecke von einer Molekülschicht und pro cm² Oberfläche und Sekunde wechseln 1021 Moleküle die Phase (Wasser bei 20°C)[62, S.72]. Die Flüssigkeitsoberfläche ist ein turbulenter Ort; zunehmend bei  geringerer Oberflächen­spannung. Bei der kritischen Temperatur verschwindet die Oberflächenspannung und die Oberfläche.
Kräfte zwischen ebenso zufällig orientierten permanenten Dipolen sind die sog. Keesom-Wechselwirkungen (W.H. Keesom 1915). Die London-, Debey- und Keesom­ Wechselwirkungen werden unter den Van-der­-Waals Kräften subsumiert. Ihnen ist gemeinsam, dass sie in sechster Potenz mit dem Abstand abfallen. Unter den Van-der­-Waals Kräften gilt die London-Kraft als die bei Weitem dominanteste. Diese elektrodynamischen Wechselwirkungen werden - trotz Debey/Keesom permanenten Dipoleffekten - als unpolare Wechselwirkungen klassifiziert. (Hierzu existieren auch andere Auffassungen. Umgangssprachlich wird "polar" vielfach verwendet, als Synonym für "hohe Oberflächenenergie" - das ist nicht korrekt). Der Begriff von polar ist unscharf - polare/unpolare Wechselwirkungen finden je nach Komponentenkonzept etwas unterschiedliche Einteilungen. Außerdem sind Donor-Akzeptor-Wechselwirkungen (Lewis-Säure-Base) nicht notwendig (di)polar, werden jedoch in der Polargruppe  geführt, genauso wie (teilweise) die Wechselwirkungskräfte aus Wasserstoffbrückenbindungen. Die polaren Wechselwirkungen unterscheiden sich von den elektrodynamischen durch noch kürzere Reichweiten (F~1/eα·r). Auch kann ihre Wechselwirkungsenergie überwiegen. In der Praxis tauchen Komplikationen auf, die nicht nur begrifflicher Natur, sondern auch dem Auftreten weiterer Effekte und Wechselwirkungen geschuldet sind (elektrostatische Kräfte [elektrische Doppelschicht, Zetapotential], Orientierungen, Brownsche Bewegungen, osmotische, konformative und sterische Effekte). Trotz gewisser Mängel und einiger Kompliziertheiten ist das Verständnis der Grenzflächenenergie der allgemeine und oft entscheidende Faktor zur Erklärung von Beobachtungen. Die Grenzflächenenergie ist der wichtigste Parameter für Vorhersagen über Partikelstabilität, Löslichkeit und Kompatibilität von Polymeren, Partikel- und Zell-Adhäsion und Adsorption [71, 72, 78].

Die  Oberflächenspannung ist die Summe aus allen in der Phase wirkenden attraktiven wie repulsiven Kräfte. Anhand von Messungen der Grenzflächenspannung kann unter Variation der Grenzflächenpartner auf Vorhandensein, Ausmaß und die Zuordnungen der Kräfte geschlossen werden.
Krfate über Grenzflächen
Abb.2: Die Grenzflächenspannung zwischen zwei Flüssigkeiten ist immer kleiner als die Differenz der Grenzflächenspannungen beider Flüssigkeiten gegen die Luft, weil stets irgendwelche kompatiblen Potentiale über die Phasengrenze wechselwirken.

 

1.2 Physiologische Aspekte

 

Angaben zur Oberflächenenergie von Biopolymeren, Enzymen, Zucker/Stärke, Bakterienoberflächen[71] bewegen sich im Bereich γs   ~ 43 ±5 mN/m. Interessant hierzu ist, sich die Betrachtung der (Gefährdungs-)Klassifikation verschiedener Lösemittel oder Präparationen vor Augen zu führen. DMSO (Dimethylsulfoxid, 44 mN/m) dringt leicht in die Haut und andere Zellmembranen ein und kann Wirkstoffe als Transportvermittler einschleusen; Chlorbenzol (34 mN/m) führt zu starken Hautreitzungen. Benzaldehyd (38 mN/m) und Nitrobenzol (44 mN/m) können durch die Haut aufgenommen werden. Eine Penetrationsförderung in die Haut wird PEG nachgesagt  (Polyethylenglycol 200 mit 43,5 mN/m) - jedoch Diethylenglycol (44 mN/m) wird angeblich nur geringfügig durch die Haut resorbiert. Es ist unklar, inwiefern polar-, unpolar- oder Säure/Base- Komponenten der Oberflächenenergie eine Rolle spielen. Zu Oberflächenenergie-Komponenten finden Sie weiter unten auf dieser Seite noch eine Abhandlung.  - Weiterhin ist im Umlauf, dass Waschmittelformulierungen bzw. Tenside mit niedrigerer CMC und Oberflächenspannung weit bessere Hautverträglichkeit zeigen und weniger reizen als Detergenzien mit geringerer Effizienz (d.h. höherer CMC).
Flüssigkeiten höherer Oberflächenspannungen (Glycerin, Formamid, Wasser) werden offenbar nicht durch die Haut aufgenommen. Gleichwohl können ähnliche Wirkungen wie bei Flüssigkeiten mit geringer Oberflächenspannung auftreten. So sind beispielsweise die Oberflächenspannungen von  Isopropanol, Oktan und Ethanol vergleichbar niedrig, sie betragen 21-22 mN/m. Wenn man mit einem Schwämmchen die Finger betupft, merkt man, dass besonders Oktan die Haut entfettet, weniger bei Isopropanol und noch weniger bei Ethanol. Hier ist wohl schlicht die Löslichkeit von Fingerfett im Lösemittel zu bemerken, eine Permeation tritt nicht auf.

 

1.3 Beispiele zur Messung der Grenzflächenspannung

 

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Diagramm 1
: Toluol und Formamid sind wie Wasser und Öl nicht mischbar. - Die Grenzflächen-spannung zwischen Toluol und Formamid, über 40 Minuten hinweg  per Ringmethode gemessen.

(Besonders in Bereichen mit zweifelhaften Refe­renzdaten ist es sinnvoll, auch eine statisch angenommene Messgröße über eine gewisse Zeit zu verfolgen – zum Einen, um einen guten Mittelwert zu erhalten, zum Ande­ren, um sicherzustellen, dass im vermeintlichen Endzustand ein Gleichgewicht vorliegt.)

Die Grenzflächenspannung ist bei 13.7mN/m stabil. - Die Differenz der beiden Oberflächenspannungen bei 25°C von Formamid (57.03 mN/m) und Toluol (27.93mN/m) wäre also mit 29.1mN/m weit größer als der tatsächliche Messwert.

 

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Diagramm 2:
Eine frisch erzeugte Grenzfläche zwischen Toluol und Wasser. Sie verändert ihren Wert.  Für die Grenzflächenspannung zwischen Toluol und Wasser wird ein Wert von 31 mN/m gemessen, wenn die beiden Flüssigkeiten intensiv vermischt werden. Ein kleiner Anteil Wasser löst sich im Toluol und etwas Toluol auch im Wasser. In der Literatur werden in der Regel Grenzflächen­span­nung zwischen gegenseitig gesättig­ten Flüssigkeiten angegeben.

 

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Diagramm 3
: Temperatur­abhängigkeit der Grenz­flächenspannung zwischen tensid­haltigem Wasser und Toluol.
(Wasser mit 5 g/L SDS [Sodium Laureth Sulfate, Laurylsulfat], CMC von SDS =2.3g/L)

Die Oberflächenspannung reiner Stoffe nimmt praktisch ausnahmslos mit der Tem­peratur ab. Bei der Grenzflächen­span­nung nennt die Literatur[15, S.25, Fig.9] Ausnahmen, Heptin, Heptylaldehy und höhere Paraffine gegenüber Wasser.

Der positive Gradient dγ / dT, Zunahme der Grenz­flächenspannung bei steigender Temperatur, bedeu­tet Entro­pieabnahme (Überschussentropie S(A)) in der spezifischen Grenzfläche. "Die Ordnung der Grenz­fläche nimmt gegen die in der Bulkphase zu."

 

Die Diagramme entstammen IMETER-Prüf­berichten; Diese finden sich unter --> Oberflächenspannung, Beispiele und können als PDF herunter­geladen werden.

 

1.4 Benetzung, Kontaktwinkel, Kontaktwinkelhysterese

 

Während die O Contactangle Youngberflächenspannung von Flüssigkeiten der direkten Messung zugänglich ist, nämlich durch die Bestimmung der Kraft, die der Erzeugung neuer Oberfläche entgegensteht, ist die Oberflächenspannung fester Körper praktisch nur indirekt messbar. Die Oberflächenspannung charakterisiert die einzelne Flüssigkeit. Sie bestimmt beispielsweise die freie Tropfenform und -größe oder auch den Druck in Gasblasen (Hohlräumen). Zwischen nichtmischbaren flüssigen Phasen ist die Stabilität beider Phasen jeweilig von der adhäsiv wirkenden Grenzflächenspannung und der kohäsiven Oberflächenspannungen der Einzelflüssigkeiten abhängig. Bei Benetzung und Benetzbarkeit der Wechselwirkung flüssiger und fester Stoffe sind die Verhältnisse der Ober- und Grenzflächen­spannungen der hier nun beteiligten drei Phasen in Betracht zu ziehen. Bei Feststoffen erzeugt der Begriff 'Oberflächenspannung' Verwirrung, weil diese mechanische Spannung nicht so unmittelbar erkennbar ist - bei fester Materie ist es darum üblich, den allgemeinen Begriff Oberflächenenergie zu verwenden.
Flüssigkeitstropfen auf glatten Festkörperoberflächen liegen, wenn sie nicht völlig verlaufen (spreiten), mehr oder weniger flach oder steil auf der Ober­fläche. An der Grenzlinie, an der die drei Phasen (Vakuum/Gas-flüssig-fest) aufeinander treffen, bilden sich die herrschenden Energieverhältnisse in der Form ab, in der sich die Flüssigkeit auf der festen Oberfläche anschmiegt. Das Charakteristische der Anschmiegung ist der Winkel zwischen Fluid- und Feststoffoberfläche an der Grenzlinie. Dieser Kontaktwinkel wird gemessen, indem über die Tropfenmitte hinweg eine Tangente zur Dreiphasenlinie angelegt wird (vgl. Abb.). Die Verhältnisse der Oberflächenenergien werden durch die sog. Young-Gleichung[19 , 20] beschrieben:   

cos Θ =  ( γs - γls )  / γ               [Gl.1.3.1]     (Young-Gleichung)

γs Oberflächenenergie des Festkörpers (= γs,g )

γls Grenzflächenspannung zwischen Flüssigkeit und Festkörper (= γ12 )

γOberflächenspannung der Flüssigkeit gegen ihren eigenen Dampf (= γl,g)

Die Differenz γs - γls kann nur größer oder gleich Null sein und wird Benetzungsspannung genannt. Der Winkel Θ ("Theta") ist der Rand-, Kontakt-, Young- oder Benetzungswinkel. Er kann Werte in den Grenzen 0° ≤  Θ < 180° annehmen. Man sagt, eine Flüssigkeit wirkt benetzend bzw. der Festkörper ist benetzbar, wenn der Kontaktwinkel Θ<90° beträgt. Die Güte der Benetzung ist dem Randwinkel indirekt proportional. Der Randwinkel von z.B. Quecksilber auf Glas beträgt etwa 138°, Glas wird von Quecksilber absolut nicht benetzt.
Im Gegensatz zum Fall Θ = 0°, der totalen Benetzung (Spreitung), kann Θ = 180°, die totale nicht-Benetzung, nicht zu Stande kommen, weil in und zwischen kondensierten Phasen immer Anziehungskräfte auftreten (London-Kräfte). Im Falle von Wasser spricht man bei Kontaktwinkeln Θ>90°von Hydrophobie und ab ca. 120° von Superhydrophobie; Omniphob wären Oberflächen, die sich von keiner Flüssigkeit benetzen lassen.

Phänomen "Lotuseffekt": Er beruht nicht auf den reinen Wirkungen der Oberflächenenergien, sondern besonders auf Struktureffekten. Die Oberflächenenergie z.B. von Wachspartikeln,die Pflanzen  ausbilden können, ist so gering auch wieder nicht. Die Grundlage des Effektes ist (zumindest teilweise) in der Wenzelgleichung gegeben: cos Θgem.= r·cos Θ.
Sie bedeutet, dass der Kontaktwinkel realer Oberflächen noch besonders durch die Rauhigkeit r der Oberfläche festgelegt ist. Der gemessene Kontaktwinkel (Θgem.), d.h. der Randwinkel des Wassertropfens auf dem Blatt der Lotuspflanze, ist mit einem 'Verstärkungsfaktor' versehen. Die Rauheit r verstärkt den materiell bedingten Effekt. Idealglatte Oberflächen haben ein r=1, bei realen Oberflächen ist r immer größer als 1. Bei schlechter Benetzung, wo bereits ein materielles cos Θ>90 auftritt, wird der Kontaktwinkel durch die Rauhigkeit (Strukturierung) weiter vergrößert. Die Struktur der oberflächenreich dargebotenen Wachspartikeln in Lotus-Blütenblättern führt zu Kontaktwinkeln bis über 160°. Man kann sich diesen Zusammenhang leicht selbst verdeutlichen, indem man ein Stück Kunststoff mit einer Nagelfeile schleift, vor- und nachher in Wasser taucht und dann das selbe - zu gegenteiligem Effekt - mit einem Glas- oder Platinplättchen tut. (Bei  Oberflächen, die aus zwei Materialarten zusammengesetzt sind, gilt die sog. Cassie-Baxter Gleichung [eng.Wiki])

Die Oberflächenenergie des Festkörpers γs ist die vorliegende, die zu Tage tretende, gemessene Oberflächenenergie; sie ist nicht unbedingt die Oberflächenenergie des reinen Materials. Der Festkörper, im Gleichgewicht mit dem Flüssigkeitsdampf, hat (ggf.) Dampf adsorbiert und seine Oberflächenenergie ist verringert:

γs = γs° - πe                 d.h.               γs° = γs + πe                [Gl.1.3.2]

πe ist der Gleichgewichtsdruck bzw. der Ausbreitungs- oder Spreitungsdruck des Flüssigkeits­dampfes an der Oberfläche im Gleichgewicht. Im Vakuum ist πe Null und die vorliegende Festkörperoberflächenenergie hat den Vakuumwert (γs° = γs ).
Bei Kontaktwinkelmessungen ist es allgemeine Praxis  πe = 0 anzunehmen. Das ist eigentlich nicht korrekt, aber πe ist messtechnisch schwierig zu bestimmen und wird schließlich bei "γ > γs" als unbedeutend eingeordnet [71, S.133].

Unter Adhäsionsarbeit (Wa) wird die reversible Oberflächenarbeit (auch differenzielle Grenzflächenarbeit genannt) verstanden, die zum Ablösen der Benetzung vom Untergrund erforderlich ist (Dupré 1869):

Wa = γs+ γ - γls               [Gl.1.3.3]

Über die Freie Enthalpie (G) formuliert als freie Adhäsionsenthalpie (ΔGls), Wa =-ΔGls (T,p,V,n):

ΔGls = - γs - γ + γls                [Gl.1.3.4]

(wir verwenden jedoch im Weiteren für "freie Enthalpie" den Englischen Begriff der freien Energie, der Gibbs-Energie)

Der Zusammenhang von Kontaktwinkel und Thermodynamik kann aus der Young-Dupré Gleichung also folgendermaßen geschrieben werden:

-ΔGls = γ(1+cos Θ)           [Gl.1.3.5]

Der Größte Wert, der für Wa bzw. -ΔGls erhalten werden kann, wenn also cos Θ= 1 ist (bei totaler Benetzung), bedeutet dass die Arbeit maximal die doppelte Oberflächenspannung der Flüssigkeit erreicht (= Kohäsionsenergie). Es müssen ja zwei Oberflächen, da abgetrennt, neu erarbeitet werden.

 Kontaktwinkelhysterese

Neigt man ein wenig den Untergrund, auf dem ein Tropfen liegt, kann man beobachten, dass die Tropfenform asymmetrisch wird: Hangabwärts findet sich ein größerer Kontaktwinkel als auf der ansteigenden Seite. Ähnlich verhält es sich, wenn man einen Tropfen mit einer Kanüle ansticht und mit weiterer Flüssigkeit aufbläht oder durch Absaugen verkleinert. Der Benetzungswinkel in Richtung unbenetzter Oberfläche wird als Vorrrück-Kontaktwinkel oder engl. Advancing Contact Angle (Θadv) bezeichnet. Demgegenüber tritt bei zurückweichendem Flüssigkeitstropfen ein Rückzugswinkel, der sog. receding Contact Angle (Θrec), in Erscheinung. Grundsätzlich gilt, dass der Vorrückwinkel größer ist als der Rückzugswinkel ( Θadv > Θrec ). Der Unterschied wird Kontaktwinkelhysterese (ΘH, CAH) genannt: ΘH = Θadv - Θrec. Bei einer kleinen Kontaktwinkelhysterese sind Tropfen auf ihren Untergründen leicht zu verschieben und umgekehrt, weshalb die Hysterese als eine Art von Haftreibungswert gedeutet werden kann. Der Lotuseffekt funktioniert insofern auch nur bei genügend kleiner Hysterese (und großem Kontaktwinkel).

Warum bleibt z.B. in einem Trinkhalm bisweilen etwas der Flüssigkeit festgehalten? Folgende Skizze und Formel zeigen, wie die beiden Benetzungswinkel eine bestimmte Menge Flüssigkeit in einer Röhre festhalten können  [Lit. 84, S.70]. - Sobald die Höhe der Flüssigkeitsschicht L übersteigt, also ein Mindestgewicht erreicht, folgt sie der Schwerkraft und fließt ab:

ContactAngleHysteresis[Gl.1.3.6]

 
Tilting Plate - ein Tropfen auf einem schiefen Untergrund wird asymmetrisch deformiert, die Kontaktwinkelhysterese hindert ihn am Abgleiten. Der Fall von Fluidbrücken in einer Kapillare ist physikalisch gut beschreibbar. Mathematisch und messtechnisch erheblich schwieriger ist die Modellierung für liegende Tropfen (Bild rechts), wobei deren Praxisbezug vielfach gegeben ist. Quéré [Lit. 102] gibt eine Gleichung an, die jedoch nur für relativ kleine Kontaktwinkelhysteresewerte und kreisrunde Kontaktflächen anwendbar ist:
   Quere_SlidingTrop__Equ.png - 9,86 kB  [Gl.1.3.7]
               
mit  R=r/sinΘ; Θ=(Θadv+Θrec)/2  und Kapillarkonstante k = √(γ/ρg)

Die Gleichung erlaubt die Schätzung, ab welchem Neigungswinkel α ein Tropfen in Bewegung gerät.  
Während in der zitierten Literatur für Θ der Mittelwert, (Θadv+Θrec)/2, eingesetzt wird, wird oft aus den Θadv und  Θrec - Werten der Kontaktwinkel Θ nach der Formel von Tadmor berechnet (vgl. Artikel in en-Wikipedia).

Es ist in manchen Situationen sogar visuell recht einfach zu erkennen, ob eine ausgeprägte Kontaktwinkelhysterese auftritt: dann nämlich wenn Sie auf einer bes 0dropsonsurfacepritzten Oberfläche sehr uneinheitliche Tropfenformen erkennen können (vgl. Bild rechts) . Der Kontaktwinkel kann zwischen den Werten von Θadv bis Θrec alle möglichen Werte annehmen. Entsprechend können auch größere Einzeltropfen ein Spektrum verschiedener Kontaktwinkel aufweisen. Das Ausmaß der Kontaktwinkelhysterese kann ein Qualitätsmerkmal sein, etwa für die Ablaufneigung von Regen auf der Windschutzscheibe, in der Flotationstechnik (Trennverfahren) und generell bei Vorgängen, wo Phasengrenzen vermengt werden (z.B. das Festhalten von [Gas-]Bläschen in Geweben).
Als Ursachen der Kontaktwinkelhysterese werden in der Literatur besonders Oberflächenrauhigkeit, Adsorptions/Desorptionseffekte, Interdiffusion, Deformation, viskose Dissipation, chemische Uneinheitlichkeit und molekulare Orientierungsvorgänge genannt [Lit. 101]. Da eine Kontaktwinkelhysterese auch an idealglatten, einheitlichen Oberflächen beobachtet wird, gibt es Bestrebungen sie thermodynamisch zu begründen [Lit. 100].

An liegenden Tropfen können goniometrische Kontaktwinkelmessungen unter variantenreichen Bedingungen stattfinden: Der Tropfen kann mittels Kanülen aufgebläht und abgesaugt werden, um entsprechende Vorrück-/Rückzugswinkel zu bestimmen, man kann Tropfen trocken lassen, um Rückzugswinkel zu bestimmen, auf Neigetischen vermessen (Twistet Plate, wie im Bild oben), auf rotierenden Tischen, um per Zentrifugalkraft die Kontaktwinkel zu variiern, oder dynamische Kontaktwinkel an den bewegten Phasengrenzen ermitteln, oder vibrierende Tische verwenden, um so den Kontaktwinkelwert ggf. hysteresefrei zu messen. Wie stehen die Winkel im Zusammenhang mit dem Kontaktwinkel in der Young-Gleichung (Gl.1.3.1)? Ausserdem ist der Kontaktwinkel in allen thermodynamischen Zusammenhängen eine statische Größe. Auch die Frage nach der Tropfengröße kann durch Kontaktwinkelmessungen mit der Wilhelmy Methode Typ II (IMETER Methode N°4) elegant umgangen werden.
Die beiden Diagramme, unten, zeigen die Benetzungs- und Auftriebskraft bei einem gereinigten Objektträgergläschen beim Ein- und Austauchen in Wasser (Eintauchwerte rot, Austauchwerte grün). Beim linken Diagramm wurde die Glasplatte nach der Reinigung für die Dauer von zwei Tagen in einem Eksikkator aufbewahrt, im rechten unmittelbar nach der Reinigung getrocknet und gemessen:
RawDataKoWIWi Eksi
RawDataKoWIWi clean

 (ID12468, 9)

Um Auftriebskräfte korrigiert und bezogen auf den Umfang des Glasplättchens erhält man aus den Daten des linken Plots das Digramm unten. Die entsprechenden Θadv (▲) und  Θrec (▼)- Werte werden angezeigt - rechts der Bereich der Hysterese.

KoWIWi Eksi



 

1.5 Ermittlung der Festkörperoberflächenenergie

 

Bei bekannter Oberfläche kann kalorimetrisch aus der Benetzungswärme die Oberflächenenergie abgeleitet werden. Bei schmelzbaren Stoffen kann aus Messungen der Oberflächenspannung der Flüssigkeit bei verschiedenen Temperaturen die Oberflächenenergie des Feststoffs extrapoliert werden (mit typisch 10-20% Unterschätzung  [Lit. 83, S.287]). Eine direkte Messung bei der Schaffung neuer Festkörperoberfläche ist praktisch nicht durchführbar (Zugversuch [Lit. 15, S.3]), d.h. quantenmechanische Berechnungen (Dichtefunktionaltheorie) und direkte Kraftmessungen (gekreuzte Zylinder [Lit. 78, S.240]) stehen eher nur theoretisch zur Verfügung. Der praktikable Zugang zur Oberflächenenergie von Feststoffen erfolgt durch indirekte Messung, nämlich durch die  Interpretation von Kontaktwinkeln. Diese bietet sich besonders dann an, wenn die in Natürlichkeit mit Adsorbat vorliegende, reale Materialoberfläche von höherer Relevanz als der theoretische Aspekt der idealreinen Feststoffoberfläche ist. Die Messung von Kontaktwinkeln kann optisch (Goniometer) oder durch Wägeverfahren (Washburn-Methode, PUK, Wilhelmyplatte Typ II) erfolgen. Dünnschicht- (TLC) und inverse Gas- Chromatographie seien noch erwähnt. -- Zur Auswertung der Kontaktwinkeldaten gibt es verschiedene Verfahren:

  • Die kritische Oberflächenspannung der Benetzung γkrit.=> Methode von Fox und Zismann (1950)

SFE Grafit

 

[Diagramm 4] (Grafit-Pulver) In der Zisman-Darstellung werden in einem Diagramm die gemessenen cosΘ-Werte gegen die Oberflächenspannung des Fluids angetragen. Sofern sich eine fallende, lineare Proportionalität einstellt, kann die Gerade auf cosΘ ⇒ 1 (d.h. Θ = 0°) verlängert einen oberen Grenzwert für die Oberflächenspannung der Flüssigkeit liefern, die den Festkörper gerade vollständig benetzt (γkrit..: 'die kritische Oberflächenspannung der Benetzung' [critical surface tension of wetting]). Die Methode hat Ähnlichkeiten zum einfachen Testtinten-Verfahren.

Der Wert von  γkrit. befindet sich stets in der Nähe von γs. Je nachdem welche homologe Reihe von Testflüssigkeiten angewendet wird (n-Alkane, Alkylbenzole, Ether, Siloxane, ...), werden jedoch deutlich unterschiedliche γkrit.-Werte ermittelt [67, S.367]. So wurde vorgeschlagen, anstelle von γ nur die unpolare Komponente der Oberflächenspannung (γLW bzw γd) an der X-Achse anzutragen [93] und für Θ den Wert von Θadv einzusetzen.

 

  • Nach Neumann's "Equation of State" (1967) ist die Festkörperoberflächenenergie γs über einen Kontaktwinkel Θ einer Flüssigkeit (Oberflächenspannung γ) unmittelbar verbunden:

    neumann eq state  
  • γ (1+cos Θ) = 2(γ· γs)1/2 · e – β ( γ - γs)²                            [Gl.1.4.1]
    (Universelle Konstante  β = 0,1247 m²/J)

    Zur Vorhersage von Kontaktwinkeln auf unpolaren Oberflächen liefert die Gleichung Ergebnisse, die mit Beobachtungen oft übereinstimmen. Bei der Equation of State tritt in anderen Fällen das Problem auf, dass "Flüssigkeiten mit gleichen Oberflächenspannungen verschiedene Kontaktwinkel zeigen". Die nachfolgend umrissenen Verfahren lösen dieses Grundproblem, indem die Oberflächenenergie als Summe aus verschiedenen Wechselwirkungen zusammengesetzt verstanden wird, so wie in der Einführung angesprochen.

  • Fowkes (1962) schlägt vor, die Oberflächenenergie als summativ aus verschiedenen molekularen Wechselwirkungsenergien zusammengesetzt aufzufassen. Das sind Wechselwirkungen von dispersiver (d), polarer (p) und metallischer (m) Natur sowie Kräfte, die auf Wasserstoffbrücken- (h) und Säure-Base-Wechselwirkungen (sb) beruhen:

    γ = γd+ γp+ γh+ γsb+ γm                                         [Gl.1.4.4]

    Wechselwirkungen finden ausschließlich über gleichartige Komponenten statt. Bei Betrachtung rein dispersiver Wechselwirkungen, wie sie in Alkanen (aliphatischen Kohlenwasserstoffen) vorliegen und bei Polymeren entsprechend in PE, PP, PTFE anzutreffen sind, fallen die anderen Komponentenglieder weg und es gilt:

    γ (1+cos Θ) = 2(γd·γsd)1/2                                            [Gl.1.4.5]


  • Die so genannte erweiterte Fowkes- Gleichung (extended Fowkes) [94] verwendet drei Glieder:

    γ
    (1+cos Θ) = 2(γd'· γsd')1/2  + 2(γp'· γsp')1/2    + 2(γh · γsh)1/2           [Gl.1.4.5A]

    Die Methode ermöglicht polare Materialien zusätzlich über ihren Anteil an Wasserstoffbrückenbindungen γsh zu charakterisieren.(Komponentendaten der Flüssigkeiten vgl. Tabelle unten). Die Berechung erfolgt klassisch in Stufen; (heute) einfacher ist die Lösung eines überbestimmten, linearen Gleichungssystems. Weitergehende Ausführungen von Gl.1.4.4 sind praktisch unbekannt.

  • Owens, Wendt, Rabel und Kaelble (1969,70) -- "OWRK" -- wenden die Fowkes-Theorie mit γd- und γp-Komponenten auf Kontaktwinkeldaten an:

    γ (1+cos Θ) = 2((γd· γsd)1/2 +  (γp· γsp)1/2)                      [Gl.1.4.6]

    Zwei Kontaktwinkelmessungen genügen im Prinzip, um die Unbekannten γsd und γsp zu bestimmen (γs= γsd+γsp).  Bei mehreren Kontaktwinkeldaten gibt es für OWRK ein grafisches Lösungsverfahren, worin die Spezialität dieser Methode besteht. Aus Gl.1.4.6 ergibt sich mit

    OWRK Gl eine Geradengleichung, deren Steigung √ γsp entspricht; der Achsenabschnitt beträgt √ γsd .

    Um die grafische Auswertung durchzuführen, werden die Koordinaten einer Kontaktwinkelmessung gemäß

    OWRK xy in ein Diagramm eingetragen:

OWRK ModifizierteStärke
[Diagramm 5] OWRK-Auswertung - Die Gleichung der Regressions­geraden liefert √γsd und √γsp.
Daneben führt das Diagramm die Qualität der Korrelation vor Augen.
Die meisten Litera­tur­da­ten stammen aus OWRK- Auswertungen.

 

Die nachfolgende Abbil­dung zeigt, wie sich erhal­tene  γsd und γsp -Mess­er­gebnisse anschaulich darstellen lassen.

Wetting Alkaliglas

[Diagramm 6] Vorhersagen über Kontaktwinkel und Benetzbarkeiten aus den dispers-polar-Verhältnissen: 'Wetting-zones' zu pulverisiertem Alkaliglas - In dem Koordinatensystem werden an der X-Achse jeweils dispersive und auf der Y-Achse polare Komponentenwerte eingezeichnet. Ein dunkelrot gezeichnetes Kreuz mit Umkreis (inmitten blauer Ringe) gibt die Koordinaten des "Ergebnisses" an. Der Mittelpunkt liegt auf der roten Linie - sie gibt diejenigen dispers-polar-Werte an, mit denen Flüssigkeiten einen Kontaktwinkel von Null erreichen würden; dispers-polar-Kombinationen, die auf der Linie und innerhalb der Umrahmung liegen, führen demnach zu totaler Benetzung. Außerhalb (darüber und rechts) treten Kontaktwinkel auf. (Diese Darstellung wird auch 'Wetting Envelope' genannt.) Die grüne Linie gibt in gleicher Weise den Vorhersagebereich für Kontaktwinkel von 45° an. Die in der Untersuchung verwendeten Flüssigkeiten sind als Kugeln eingetragen. Die Ergebniskoordinaten sind 'umkreist' von drei blauen Ringen - diese verorten Bereiche der Grenzflächenspannung von 0.1, 0.5 und 1 mJ/m². Die Grundlage der Kalkulationen im Wetting-zones Diagramm ist (γd+γp)·(cosΘ + 1) = 2·√(γsd·γd) + 2·√(γsp·γp).

  •  G. X. Wu (1982) schlägt die Berechung über das harmonisches Mittel vor:

      γ (1+cos Θ) = 4 ((γd· γsd) / (γd+ γsd) + (γp· γsp) / (γp+ γsp))          [Gl.1.4.7]

    Festkörperoberflächenspannungen lassen sich nach der Wu-Gleichung durch Kontaktwinkelmessungen mit zwei Flüssigkeiten beschreiben. Die Gleichung kann jedoch nicht - so wie die anderen - als lineares Gleichungssystem gelöst werden. Hier können Kontaktwinkel mit reindispersen Flüssigkeiten verwendet werden, um zuerst γsd ausrechnen (der Termteil mit γsp fällt dabei weg), dann  γsd einsetzen und  im zweiten Schritt durch Einsetzen auch γsp und schließlich γs ermitteln zu können. (Wie bei Fowkes haben sich auch hier noch andere Rechenverfahren etabliert, die zu leicht divergierenden Ergebnissen führen können.)  

  • Van Oss,  Good und Chaudhury (1987), "OGC", fassen die Komponentenenergien der drei elektrodynamischen Wechselwirkungen (London, Debey und Keesom) zum apolaren Lifshitz - Van der Waals - Anteil (LW) zusammen. Die polaren Wechselwirkungen werden dem Elektronen Akzeptor-Donor-Modell der Lewissäure/Base - Wechselwirkungen zugeordnet:

    γ
    (1+cos Θ) = 2(γLW· γsLW)1/2  + 2(γ+· γs-)1/2   + 2(γ - · γs+)1/2      [Gl.1.4.8]       wobei     
    γ
    s = γs LW + γs AB   mit  γs AB  = 2(γs +· γs -)1/2       und     
    γ
       = γLW  + γAB   mit   γAB  = 2(γ+· γ-)1/2 

    Kontaktwinkel mit mindestens drei entsprechenden Messflüssigkeiten sind für diese Berechung erforderlich. Anders als bei Extended Fowkes, wo ja ebenfalls drei Komponenten auftreten, ist die Komponenten-Wechselwirkung der AB (Säure-Base) Komponenten gegensinnig.  Materialien können ohne AB-Anteil sein (unpolar), nur eine Säure- oder Base- Wechselwirkung aufweisen (Monopolar) oder über beide Anteile verfügen (bipolar).  So können Grenzflächenenergieen auf sieben (bzw. zehn) unterschiedlichen γ+,γ- -Kombinationen beruhen.
    Zur Fixierung der Lewis-Säure-Base -Parameter dient Wasser, dem für 20°C die Werte γ =72.8, γ LW=21.8, γ AB=51, γ + =25.5, γ - = 25.5 mJ/m² zugewiesen sind. Bei γ AB kommt zwar nur dem Verhältnis von γ + und γ - relativ zum Bezug eine Bedeutung zu; "2·√( γ +· γ-)" muss jedoch 51 mJ/m² ergeben. Denn γ LW = 21.8 mJ/m² ist Primat aus reindispersen Wechselwirkungen von Wasser (zu den rein-unpolaren Alkanen) und 51 mJ/m² sind  γ AB zuzuordnen. - Aufgrund der Festlegung erscheinen Feststoffoberflächen nach OGC fast immer Lewis-basisch. Damit eine der Empirie nicht widersprechende AB-Charakterisierung ermöglicht wird, gibt es alternative Vorschläge für das AB-Bezugssystem [96, 97].

Tabelle 1: Oberflächenspannungen und Komponentenzuordnung einiger gebräuchlicher Messflüssigkeiten in mJ/m²:

    Fowkes, OWRK ext. Fowkes OGC
(20°C), mJ/m²

 γ

 γd γp  γd' γp' γh  γLW γ+ γ -
    Wasser  72,80  21,8 51  29,1 1,3 42,4  21,8 25,5 25,5
    Glycerin  64  34 30  37,4 0,2 25,8  34 3,92 57,4
    Formamid  58,2  ª  39 19  35,1 1,6 21,5  39 2,28 39,6
    Ethylenglycol  47,7  ª  30,9 16,8  30,1 0 17,6  29 3 30,1
    1-Oktanol  27,5  27,5 0 n.a. n.a. n.a.  27,5 0 3,97
    Oktan  21,62  21,62 0  21,62 0 0  21,62 0 0
    Chloroform  27,15  27,15 0 n.a. n.a. n.a.  27,15 1,5 0

Datenquellen [71, S.213f], [83, S.337], [].     ª Hier sind geringfügige Unstimmigkeiten in der Relation "γ  =  γd + γp    =  γd' + γp' + γh =   γLW + 2(γ+ γ - )1/2 ".


Bemerkungen:  Auf der Seite http://www.accudynetest.com/polytable_01.html  sind Oberflächenenergien, Kontaktwinkel und Komponentendaten zu Polymeren zu finden. Die Streubreiten der Angaben sind im Allgemeinen leider ziemlich groß. Dass dem so ist, wird erkennbar, wenn man bei den vorgenannten Mess- und Rechenverfahren mehr als die Mindestanzahl von zwei oder drei Flüssigkeiten für Messungen verwendet und sich entsprechende Standardabweichungen ergeben. Aus Tradition und weil einzelne Verfahren sich Stofftypisch bewährt haben, werden alle genannten Verfahren / Theorien heute verwendet, obwohl Neumann's Equation of State und Wu's harmonisches Mittel längst als inkorrekt beurteilt werden [62, S.292f; 71, S.166ff]. Bei anderen Geräteherstellern findet man Anwendungsregeln für die Rechenmethoden wie, "Wu wird mehr für niederenergetische Wechselwirkungen der Oberflächen, das geometrische Mittel (OWRK) mehr für Wechselwirkungen zwischen nieder- und hochenergetischen Stoffen verwendet". Die Regeln sind teilweise widersprüchlich. Die IMETER-Auswertung macht es sich in gewisser Weise einfach und berechnet nach allen Modellen, für die Experimental- und Fluiddaten vorhanden sind.
Die Angaben von ermittelten Festkörperoberflächenspannungen sollten immer unter Nennung der Berechnungsmethode erfolgen; die verwendeten Kontaktwinkel- und Komponentendaten sollten ebenfalls angegeben werden.

    

 

 1.6 Bedeutung der Ober- und Grenzflächenenergie nach OGC [71]

 

Die Theorie von van Oss,  Good und Chaudhury (OGC) gilt als modernster und leistungsfähigster Ansatz. Sie ermöglicht aus der Oberflächenenergie (d.h. aus Kontaktwinkeldaten) Vorhersagen hinsichtlich der Mischbarkeit/Verträglichkeit von Stoffen und erlaubt Adhäsionseffekte zu quantifizieren.  Im Unterschied zu Fowkes/OWRK kann OGC abstoßend wirkende Kräfte beschreiben.
Nachfolgend sind die Regeln zur Berechnung der Interaktionspotentiale in Ein-, Zwei- und Drei- Phasensystemen angegeben:

  • Kohäsionsenergie im Material 1 (ΔG11 ):   
    Oberflächenspannung, Energiegewinn durch Verkleinerung der Oberfläche.

    ΔG11= -2γ1  = - (γ1LW + γ1AB)  =  - (γ1LW + 2√(γ1+ γ1-))                   [Gl.1.5.1]

  • Adhäsionsenergie zwischen Material 1 und Fluid 3 oder Material 2 (ΔGA ,ΔGls , ΔG12 , ΔG13 ):
    Grenzflächenspannung, Energiegewinn durch Zusammenlagerung und Bildung einer gemeinsamen Grenzfläche.

    ΔGls= -2γ1s = -2√(γLW γsLW) - 2√(γ+ γs-) - 2√(γ - γs+)                              [Gl.1.5.2]

    γls = γs + γ - 2√(γLW γs LW)  + 2√(γ+γs -)  + 2√(γ - γs +)

  • Adhäsionsenergie zwischen Materialien 1 vermittels Fluid 3(ΔG131 , [ΔG121 ]):
    Grenzflächenenergiebilanz bei Zusammenlagerung in einem Medium.

    ΔG131  =  ΔG11+ ΔG33- 2ΔG13

    ΔG131  = -2(√γ1LW - √γ3LW)² - 4(√γ1+ - √γ3+)(√γ1- - √γ3-)                        [Gl.1.5.3]

  • Adhäsionsenergie zwischen Material 1 und Material 2 vermittels Fluid 3(ΔG132 ):
    Grenzflächenenergiebilanz bei Zusammenlagerung unterschiedlicher Materie in einem Medium.

    ΔG132  =  ΔG12+ ΔG33- ΔG13- ΔG23

      ΔG132  = -2(√γ1LW - √γ3LW)(√γ2LW - √γ3LW) + 2[(√γ1+ - √γ2+)(√γ1- - √γ2-)   - (√γ1+ - √γ3+)(√γ1- - √γ3-) - (√γ2+ - √γ3+)(√γ2- - √γ3-)]                            [Gl.1.5.4]

    Durch bestimmte Komponentenverhältnisse können ΔG131 ,  ΔG132   positive Werte annehmen. "Positiv" bedeutet, dem System müsste Energie zugeführt werden, der Vorgang liefe spontan nicht ab bzw. eben andersherum. ΔG > 0 bedeutet  nichts anderes, als das Auftreten repulsiver (abstoßender) Kräfte. Für diese nicht-Adhäsion können verschiedene Szenarien formuliert werden, z.B. wenn in Situationen entsprechend Gl.1.5.4 folgende Relationen eintreten:

    γ1LW < γ3LW< γ2LW   und ggf. zusätzlich   (√γ1- + √γ2-)> √γ3-

Anwendungsbeispiele: Mit Gl.1.5.2 wird erklärt, dass sich eine minimale Grenzflächenspannung zwischen Polymer und Additiv sehr positiv auf die Schlagzähigkeit des Kunststoffs auswirkt [95]. Mit Gl.1.5.3 wird erklärt, dass Ethylenglycol und Oktanol nicht mischbar sind [71, S.302]. Aus der Gl.1.5.4 wird abgeleitet, dass beim Einfrieren von biologischen Materialien in Glycerin Erythrozyten (rote Blutkörperchen) im zellulären Eis fixiert werden und dadurch nicht in der flüssigen Phase durch den osmotischen Druck zerstört würden [71, S.369].
 

 

1.7 Anwendungen im IMETER-Framework

Die Berechnungen aus Kontaktwinkel- und Komponentendaten werden im Framework für solide Körperoberflächen über METER M4 gegeben und für Messungen an porösen Materialien über IMETER M7 "PUK" Aus diesem Kontext stammen beispielsweise die automatisch erzeugten Diagramme 4, 5 und 6. Beide IMETER-Methoden sind  für Oberflächenenergie-Messungen hochautomatisiert und mehr als einfach anwendbar. Man braucht nur Messungen durchzuführen und das Datenbaksystem stellt alle Kontaktwinkelergebnisse zu einer Probe zusammen und berechnet nach allen Verfahren (OWRK, Fowkes, OGC, Wu, Neumann) die Oberflächenenergie. Die Resultate werden grafisch präsentiert und tabellarisch gegenübergestellt. Und es werden zu jeder Berechnungsmethode Tabelle(n) herausgegeben die  zeigen, welche Oberflächenenergie die  Messdaten ergeben, wenn die einzelne Messung jeweils nicht im Ergebnis berücksichtigt wird. Das ist sehr praktisch, wenn man die Aufgabe ernst nimmt.
Andere Funktionen im IMETER-Framework liefern die Daten zu  Ober- und Grenzflächenspannung  (IMETER M1 und M2) und Viskosität und Dichte (IMETER M5, DiVA), so dass der ganze Themenkomplex vollständig mit einem Gerät bearbeitet werden kann.

 

2. Formeln zu Grenz- und Oberflächenspannung

2.1 Thermodynamische Grundlage

Vergrößert man eine Oberfläche um einen Betrag dA (alle anderen Quantitäten bleiben konstant), so ist dafür Energie aufzuwenden, d.h. die Arbeit dW mit dem Proportionalitätsfaktor γ, der Oberflächenspannung:

dW = γ·dA

Die zur Oberflächenbildung benötigte Arbeit leistet diesen Beitrag zur freien Enthalpie G. Für ein System mit veränderlicher Oberfläche im Zusammenhang mit den anderen thermodynamischen Quantitäten gilt: [3, 4]

dG = -S·dT + V·dp + γ·dA + Σµidni

Der Beitrag ist der selbe, der der freien Energie zukommt: 

dF = -S·dT - p·dV + γ·dA + Σµidni

[G (Freie Enthalpie [G ≡ H -TS = U + pV -TS (Gibbs-Funktion), F (Freie Energie [F ≡ U -TS (Helmholtz-Funktion)]
Mit , innere Energie (U), Etnthalpie (H), Entropie (S) der Temperatur (T), Druck (p) und Volumen (V) und µi dem chemischen Potential der Komponente i mit der Teilchenzahl n
i.
Man spricht Allgemein undifferenziert von der freien Oberflächenenergie (surface free energy).

-Nachfolgendes bedürfte der Überarbeitung-

 

2.2 (ältere) Berechnungsmöglichkeiten und Ansätze

Molvolumen & Temperatur - Eötvös

Um die Oberflächenspannungen verschiedener Flüssigkeiten miteinander verglei­chen zu können, wird die Oberflächenspannung molar normiert. Die Größe Vm2/3   (molares Volumen hoch 2/3) legt eine Fläche fest, die unabhängig von der Verbindung stets die gleiche Anzahl an Teilchen in der so definierten Mol-Oberfläche enthält, nämlich NL2/3(~ 7·1015 Teilchen). Die mit dieser Fläche multiplizierte Oberflächenspannung heißt dann molare Oberflächenspannung γm [mN/m ·(m3/mol)2/3]=[mJ·mol-2/3   ].

      γm= γ·Vm2/3        

Sie ist eine für den Vergleich verschiedener Stoffe geeignete Größe und stellt die Arbeit dar, die notwendig ist, um aus dem Innern der Flüssigkeit NL2/3Moleküle entgegen den zwischenmolekularen Anziehungskräften zur Oberfläche zu bringen.

Für viele normale Flüssigkeiten, d.h. nicht assoziierte Flüssig­keiten, gelte die Beziehung:

  γm= kσ ·(TK'   - T)         (Eötvös´sche Regel)

TK' ist eine, ein wenig unter der kritischen Temperatur TK liegende Temperatur; T die betreffende Temperatur, die oberhalb der Mitte zwischen der absoluten Temperatur (0 K) und TK zu wählen ist. Die Gleichung wurde in Analogie zum allgemeinen Gasgesetz mit dem Theorem der übereinstimmenden Zustände hergeleitet. Der Temperaturkoeffizient kσ (T/dT) ist  eine Konstante(Eötvös-Konstante, nach R. v. Eötvös 1848-1919)[98], sie sollte für normale Flüssigkeiten also stets den gleichen Wert haben: kσ  = 2.1 [10-7 J·mol-2/3·K-1]. Der Wert gelte z.B. für Hg, CS2, CCl4, Nitrobenzol, Benz­aldehyd. Abweichungen von diesem Wert deuten auf Assoziationen hin: Wasser 1.10, Ethanol 1.08, Aceton 1.82, Essigsäure 1.30, Phenol 1.36 (Werte von [22]   S.395).

Das folgende Diagramm stellt für die drei darin bezeichneten Flüssigkeiten die Art des Zusammenhangs dar.

ZurObe3

Es ist damit begreiflich, warum in neueren Lehrbüchern auf Eötvös meistens verzichtet wird. Die Regel hilft bzw. nützt kaum. Nach heutigem Verständnis ist die Assoziiertheit einer Flüssigkeit weitgehend aus der Strukturformel ersichtlich - für damals (1885) bei Fettsäuren (Essigsäure) aus den Daten der Oberflächenspannung. Doppelmoleküle, wie später durch andere Verfahren bestätigt, vorherzusagen, war gleichwohl eine respektable Leistung.

Molekülstruktur - Parachor 

Die Oberflächenspannung einer Flüssigkeit ist bei gegebener Temperatur abhängig von der Differenz der Dichten der Flüssigkeit ρ und des Dampfes ρd. Nach D. M. MacLeod gelte dafür die Gleichung:

  γ1/4 / (ρ-ρd) = k

Der Proportionalitätsfaktor k sei unabhängig von der Temperatur. S. Sugden erhielt nach Umformung mit der Molmasse M eine Größe, die er Parachor Pγ nannte.

  P γ =  M k1/4   =   γ1/4 · M  /  (ρ-ρd)

Bei Temperaturen weit genug unter der kritischen kann die Dichte des Dampfes ρd vernachlässigt werden und mit M/ρ = Vm ergibt sich:

Pγ = Vm · γ1/4

Molekülparachore können aus der Summe der Atom- und Bindungsparachore berechnet werden und sollen auf Mischungen ebenfalls anwendbar sein.

Weitere Ansätze zur Berechnung

Über die Kohäsionsenergiedichte bzw. die Löslichkeitsparameter (Hildebrand, Hansen) werden folgende Gleichungen angegeben[6]: 

ZurObe9 (Michaels)            ZurObe10 (Koehnen und Smolders)

(ΔEV Verdampfungsenergie (ΔEV=ΔHV-RT); Vm Molvolumen; K eine Konstante; δp, δd Hildebrand-Parameter (δ=δd+δp+δh, entsprechend dispersen, polaren und Kräften und den Wasserstoff-Brücken))

In diesem Zusammenhang kann auch über parachorartige Bindungs- und Gruppeninkremente die Kohäsionsenergiedichte berechnet werden (Tabellen [25]). 

 

2.3 Anreicherung an Grenzflächen, CMC

Moleküle mit eingebauter Zwiespältigkeit - hydrophil/hydrophob-Amphiphilie -, d.h. mit wasserfreundlichen und wasserunfreundlichen Molekülteilen, orientieren sich dementsprechend, dass polare (hydrophile) und unpolare (hydrophobe = lipophile) Teile sich nach Möglichkeit und entgegen dem Bestreben der Entropie zusammenlagern oder Stellen aufsuchen, die beiden Bedürfnissen gerecht werden. Solche Stellen können Oberflächen sein (die als Grenzflächen zum wechselwirkungsarmen Bereich zumindest keine abstoßenden Kräfte ausüben) oder Grenzflächen zu einer anderen kondensierten Phasen mit für einen Molekülteil besser passender Grenzflächenenergie. Bei fehlenden Grenzflächen bzw. genügender Konzentration (und geeigneter Konstitution) können sich diese Moleküle durch Zusammenlagerung selbst organisieren und Micellen*, Liposomen, Vesikel**,  röhrenförmige, lamellare und andere Strukturen bilden (allg. Assoziationskolloide). Die Selbstorganisation ist eine überaus bedeutendes Verhalten. Man nimmt an, dass für die Ursprünge des Lebens eine so bewirkte Trennung von Innenwelt und Außenwelt - zu ersten, einfachen Zellen - notwendig war. Für Methoden der Nano-Technologie ist bedeutend, dass die Größenverteilung in einer mizellaren Lösung ziemlich gleich ist (homogen Monodispers), wodurch definierte Räume, z.B. als Bildungsmatrizen für den Aufbau anderer Moleküle oder Strukturen, vorliegen. Als Waschmittelrohstoffe (Tenside, Detergenzien), Emulgatoren, Dispersionsmittel, Katalysatoren (Phasen-Transfer-) Netzmittel, Verträglichkeitsvermittler, Antistatika in Kunststoffen, (Zell-)Membranbausteine u.s.w. haben grenzflächenaktive Substanzen eine herausragende Bedeutung. 

*Micellen: (kolloidische) kugelförmige Zusammenballung von 20 bis 30 000 Molekülen. Für Na-Dodecylsulfat -Mizellen in Wasser wird die Zahl 70 angegeben. Typischerweise entspricht der Radius kugelförmiger Mizellen der statistisch geknäulten Länge des Moleküls. Die Größenverteilung der Mizellen ist normalerweise nahezu Monodispers. Mizellen und Monomere stehen in einem dynamischen Gleichgewicht. Bildungs- und Zerfallsgeschwindigkeites bewegen sich im Millisekunden-Bereich. Mizellen rotieren mit einer Frequenz in der Größenordnung von Nanosekunden.
**Vesikel: Begriff aus der Zytologie, bläschenförmige protoplasmatische Struktur mit einfacher Membran.

Lit.:  [62], [67], [66], [68], [71], [84]

Die vordergründige Wirkung der Tenside besteht darin, in wässriger Lösung die Oberflächenspannung (Grenzflächenspannung) herabzusetzen. Aus diesem Grund ist die Tensiometrie ein besonders geeignetes Mittel zur Untersuchung und Charakterisierung dieser Stoffe über ihre Wirkung.Grenzflächenaktive Substanzen (auch Kunstwort Surfactants = surface active agents) haben typischerweise also einen zwittrigen Aufbau - d.h. Tensid­ oder Detergenz- Struktur. Der polare Teil (Kopf) der Moleküle kann je nach dem aus Carboxyl(at) (Fettsäuren, oder Salze), Hydroxyl (höhere Alkohole), Sulfon-, Sulfat-, Ammonium-, Amino- und Amidstrukturen wie aus Kombinationen Polyether-Alkohol, Betaine etc. gebildet werden. Funktionelle Gruppen also, die insbesondere Wasserstoff-Brücken bilden. Der lipophile Teil (Schwanz) kann in steigender Wirksamkeit aus Kohlenwasserstoff-, Dimethylsilikon-, (Per-) Fluorkohlenstoffketten aufgebaut sein. 

Thermodynamik bis zum "CMC"
Fügt man man in kleinen Dosierungen "Tensid" einer Wasserprobe zu und misst dazu die Oberflächenspannung und trägt diese in einem Diagramm gegen die Tensidkonzentration ein, kann man einen Wirkungszusammenhang, wie in dem folgenden Diagramm erhalten:

002

Diagramm 2.3.1: Konzentrationsabhängigkeit der Oberflächenspannung. Der Zusammenhang ist stetig, doch nicht linear.  (IMETER-Messung, Tensid: POLYDOCANOL, THESIT) 


Die Substanz ist also sehr wirksam: 0.01g/L, entspricht 10mg pro Liter Wasser, verringert in diesem Fall die Oberflächenspannung bereits um 30mN/m.
(Der Messauflösung eines Tensiometers mit 0.01mN/m entspricht - in diesem Fall und Bereich - einem auflösbaren Konzentrationsunterschied von 3·10-6 g/L also 3µg/L bzw. 3mg pro Tonne [theoretisch])

Thermodynamisch behandelt man die Grenzfläche als Zwischenraum, über den die Konzentration des Tensids sich sprunghaft ändert (Gibbs Dividing Surface).

004
Die freie Enthalpie (G) eines zweiphasigen Systems besteht aus der Summe der Enthalpien der beiden Phasen (I und II) G=GI+GII
Die Anreicherung von Komponenten in der Grenzfläche führt dazu, dass G > GI+GII die gesamte freie Enthalpie größer ist, als diejenige, die sich aus der jeweiligen Verteilung der Komponente (j) auf die beiden Phasen ergibt – weil sich ein Teil in der Grenzfläche (A) anreichert. Die Grenzfläche gehört keiner Phase an.
G = GI+GII + GA                              (GA: freie Oberflächenenthalpie)
 Die Summe der Tensid-Teilchen (nj) ist entsprechend auf die Phasen und die Grenzfläche verteilt:
nj = njI + njII+ njA    in der Oberfläche also njA = nj – (njI + njII)
Die auf das Ausmaß der Oberfläche (A) bezogene Menge njA ist eine konstruierte Größe namens "Oberflächenüberschuss" (Γ), auch Oberflächenexzess genannt.
Γj = njA / A

Die Fundamentalgleichung der chemischen Thermodynamik (mit Oberflächenterm):

006

isotherm (dT=0), isobar (dp=0) und im Gleichgewicht sind die chemischen Potentiale (µ) einer Komponente (j) in allen Phasen gleich (und dGA = dG - dGI - dGII):

008

Die Oberfläche (A) ändert sich nicht (dA=0) und nicht die Teilchenzahl (dnjA=0):

010

Bei konstantem Druck, Temperatur und Oberfläche ändert sich die freie Enthalpie nur mit der Zusammensetzung, die aber, wenn als konstant angesehen, wird zu  dGA= 0.

012

mit (Γj = njA / A):

014


dγ ist der Abfall der Oberflächenspannung mit der Zunahme der Tensidkonzentration (Exzess) in der Oberfläche. Die Änderung der Oberflächenspannung entspricht der Änderung der Oberflächenkonzentration.

 

Im Beispiel mit nur einer Tensidart:

016

Mit dem chemischen Potential µ (Konzentration [Cj] = Aktivität (aj) bei verdünnten Lösungen)

018

folgt:

020


 

Γ entspricht der Geradensteigung, welcher also bezüglich der Konzentration ein logarithmischer Zusammenhang zugrunde liegen muss. - Das Diagramm 2.3.1 zeigte den ersten Teil einer CMC-Messung, wobei die X-Achse nicht-logarithmiert ist. Die Messung wurde weitergeführt und entsprechend Diagramm 2.3.2 auf logarithmischer X-Achse dargestellt:

022

Diagramm 2.3.2: CMC Bestimmung (Differenzial-CMC mit IMETER) aus der Konzentrationsabhängigkeit der Oberflächenspannung. IMETER misst Daten und erzeugt dieses Diagramm automatisch. Die roten Marken stellen die Messwerte dar. Die grüne Linie ist der dazu gebildete Differenzenquotient - gibt also den anfangs ziemlich konstanten Wert von Γ wieder. In zahlreichen Messungen hat sich gezeigt, dass der Nulldurchgang des Quotienten von der Verfahrensgeschwindigkeit der Messung am wenigsten gestört wird. Der senkrechte, graue Balken markiert den CMC-Wert und die beiden blau markierten Bereiche sind der logarithmisch lineare Adsorptionsbereich (links) und der Sättigungsbereich (rechts). [(Tensid: (Wz.) POLYDOCANOL, THESIT, Lubrol PX, chemisch Dodecylpoly(ethylene-glycolether)n  M ~583g/Mol]

 


Wie im Diagramm gezeigt, kommt es ab etwa 0.025g/L zu einer Veränderung von Γ, bei ca. 0.05g/L tritt Γ=0 ein. Die Veränderung von Γ zeigt an, dass ab gewissen Konzentrationen sich die Aktivität (Konzentration) bzw. Teilchenzahl-Konzentrationsproportion ändert (Teilchenzahl ist nicht der Molzahl gleichzusetzen).

024Diagramm 2.3.4: IMETER Diagrammvergleich : Adsorptionsmessung durch Ver­schie­bung der CMC: Mess­ung ohne Zu­satz (rot), mit 12 Gew.‑% Quarz­sand (blau) und mit 3% Silica­gel (grün). Das Silicagel adsorbiert größere Tensid­men­gen aus der Lösung, so dass dadurch die CMC (senkrechte Linie) zu doppelter Kon­­zentra­tion ver­scho­ben wird.
Der cmc-Wert wird nach der klassischen Methode aus dem Verlauf durch den Schnittpunkt der extrapolierten Geraden aus dem Adsorptions- und Sättigungsbereich berechnet. Dieses traditionelle Verfahren ist unsicher (vgl. Beispiel gealtertes Alkylsulfat - bei dem die Extrapolation unsinnig ist).
026Diagramm 2.3.5: IMETER Diagrammvergleich : Dosierung von 2-Propanol (blau) und Aceton (rot) in Wasser (bis 12%): 2‑Propanol ist zur Herabsetzung der Ober­flächenspannung wirksamer.
Mit der Kinetik der Adsorption sind instationäre Diffusionsvorgänge verbunden (Gleichung von Ward und Tordai), die Adsorptionsvorgänge finden eine genauere Behandlung in den Ansätzen von Langmuir (auch Frumkin). Die Interaktion an Oberflächen ist nur ein Spezialfall der Grenz­flächenbetrachtung, die Anreicherungen an festen oder flüssigen Grenzflächen sind nicht prinzipiell verschiedene Vorgänge.

Die Veränderung der Oberflächenspannung erfolgt durch grenzflächeninaktive Stoffe (z.B. anor­ga­nische Salze) derart, dass die Oberflä­chen­span­nung mit der Zugabe auch ansteigen kann.

 

2.4  Spreiten  

Für unlösliche Moleküle, die auf eine Flüssig­keits­oberfläche aufgebracht werden, gilt im Idealfall (verdünnt, kein Volumen, keine Wechselwir­kungen):

(γ° - γ)·A = k·T

Die Differenz γo-γ (Oberflächendruck) ist der Unterschied der Oberflächenspannung zwischen Flüssigkeit (Hypophase) und bedeckter Fläche A. A ist hier die Fläche, die ein Molekül einnimmt. Die Analogie mit dem allgemeinen Gasgesetz pV=nRT wird deutlich, wenn in obiger Gleichung die Bolzmann-konstante k=R/NL und 1mol/NL =n ersetzt wird: (γo-γ)Am=nRT. Somit ist der Oberflä­chendruck das zweidimensionale Analogon zum Gasdruck p und A die Entsprechung für Volumen. Die Fläche A (für ein Mol oder ein Molekül) kann so, d.h. unter gewissen Vorrausetzungen, zur Bestimmung von Molmassen bzw. Aggregierungsgraden herangezogen werden.

Der Ansatz ist im Prinzip auf einen bei noch geringeren Konzentrationen beginnenden Anfangsteil der Konzentrations­abhängigkeit der Oberflächenspannung (Diagramme oben, für nicht-ionische Tenside) anwendbar.

► Seite zur CMC-Messung


 

Berechnung der Grenzflächenspannung aus Kraftmessungen an einem Ring
IMETER- Ringmethoden (YLP)

von T. Petzoldt und M. Breitwieser (2014-17, 2024-26)  


Zwei nahezu deckungsgleiche Kurven geben im Diagramm (rechts) den Kraft-Wegverlauf beim Herausziehen eines DeNoüy-Ringes aus einer Wasseroberfläche wieder. Die rötlich durchgezogene Linie zeigt den theoriegemäß berechneten Kraftverlauf an, die schwarzen Punkte sind die Messwerte der physischen Messung.

Lamellenabriss - Ring mit maximal gespannter Lamelle.

Lamellenprofil kurz vor Abriss - Simulation zu Oberflächenspannungsmessung IDN°23836

Abb.-1 Situation beim Lamellenabriss: die berechnete Oberflächenkontur der rotationssymmetrischen Anordnung wird im Querschnitt gezeigt und gehört zum letzten Datenpunkt der berechneten Kurve im Diagramm. Die freie Wasseroberfläche nimmt in der Messung bis hier, um 3,18 cm² zu. Schließlich reißt die Lamelle vom Ring ab - in der Wirklichkeit und in der Berechnung - in der Berechnung am 'Berührpunkt zweier Tangenten'.

RingRotAbriss

 


Abgemessene und berechnete Spannungskurven beim Ringauszug - WasserAbb.0: Abgemessener und berechneter Spannungsbogen beim Ziehen eines Rings durch eine Wasseroberfläche. - Simulation und Messung ergeben das Gleiche. - An der Stelle x=0 berührt die Ringoberseite die Flüssigkeitsoberfläche von unten kommend. Die gemessenen Werte weichen am Anfang vom berechneten Verlauf ab, da in der Berechnung die Auftriebs- und Benetzungskrafte der vertikalen Ringhaltedrähte nicht berücksichtigt sind. (Dieses Beispiel ① wird im Beitrag behandelt)


INHALT:  0  Aufbau  1 Kräftegleichgewicht am Fälchenelement  2 Differentialgleichung der Grenzflächenkontur  3 Numerische Berechnung der Grenzflächenkontur  4 Berechnung der Kraft  5 Messunsicherheit 6 Traditionelle Handhabung 7 Ringgröße und unendliche Oberfläche  8 Ringmethode ohne Schwerkraft 9 Doppelringtensiometer (DRT)


Theorie der IMETER Ringmethoden M1/M2

Beschreibung des mathematischen Verfahren zur Berechnung der Ober- bzw. Grenzflächenspannung gemäß der Ringmethode (Auswertealgorithmus 'YLP').
Die Differentialgleichung zur Formulierung rotationssymmetrischer Grenzflächenkonturen wird hergeleitet, und als numerisches Verfahren angewendet.
 

0 Aufbau   (Ring-Tensiometer)

Ein zylindrischer Behälter befindet sich mittig positioniert mit Flüssigkeit gefüllt auf einer vertikal beweglichen Plattform. Zentral über dem Behälter ist der Kraftmesser (Wägezelle), an dem über eine Aufhängung der Drahtring (ein Volltorus) befestigt wird (Abb. 1).Der Ring besteht aus einem von der Flüssigkeit gut benetzbaren Material wodurch der Kontaktwinkel zwischen Ring und Flüssigkeit näherungsweise Null beträgt.Abb.1 - schematischer Aufbau der "Ringmethode" (IMETER)

Zunächst wird die Plattform angehoben, bis der Ring vollständig in die Flüssigkeit eingetaucht ist und danach wieder langsam soweit abgesenkt, bis die Oberkante des Rings die Grenzfläche genau berührt. Dieser Zustand wird als Nullreferenz (Nullniveau) für die nachfolgenden Weg- und Kraftmessungen benötigt.

Die eigentliche Messung erfolgt mit der Absenkung des Behälters, wobei der Ring eine Lamelle aus der Grenzfläche herauszieht. Die dabei gemessenen Weg- und Kraftkoordinaten werden aufgezeichnet.
Mit zunehmender Absenkung steigt die gemessene Kraft zunächst stetig bis auf ein Maximum an und sinkt dann wieder leicht ab und bricht schließlich ganz zusammen, wenn die Lamelle am Ring abreißt.



Formelzeichen:  A Fläche [cm2]; α Winkel [rad]; d Differentialbezeichner; D Intervall / Differenz; g Ober- bzw. Grenzflächenspannung [mN/m]; F Kraft [mN]; j Konturwinkel [rad]; g Schwerebeschleunigung [m/sec2]; K Krümmung [1/mm]; p Druck [Pa]; r radiale Länge, Radius [mm]; R Hauptkrümmungsradius [mm]; r Dichte [g/cm3]; s Bogenlänge [mm]; Q Kontaktwinkel an der Gefäßwand [rad]; z axiale Länge, Höhe [mm].


 1 Kräftegleichgewicht am Flächenelement

Für die Druckkraft, die auf ein sphärisch gekrümmtes, infinitesimales Flächenelement wirkt, gilt (Abb. 2):

dF = Δp·dA       1-1

Mit den beiden Radien in Richtung der Hauptkrümmungen kann für das Flächenelement geschrieben werden:

dA = R1·dφ1· R2dφ2        1-2

Entgegen der Druckkraft wirkt die aus der Grenzflächenspannung resultierende Kraft in Normalenrichtung zum Flächenelement wie folgt:

dF = γ· (R1·dφ1 · 2sin(dφ2/2) + R2·dφ2 · 2sin(dφ1/2))         1-3

  Abb. 2 

Mit der Vereinfachung für infinitesimal kleine Winkel

2·sin(dφ/2) = dφ              1-4

können die beiden Kräfte ins Gleichgewicht gesetzt werden, wobei sich die Winkeltherme herauskürzen.

 γ· (R1 + R2) =  Δp·R1·R2  1-5

Die erhaltene direkte Beziehung zwischen Grenzflächenspannung und örtlicher Druckdifferenz wird mit den Krümmungen als Kehrwert des Krümmungsradius ausgedrückt.

K1 = 1/R1  ; K2 = 1/R2      1-6

γ·(K1 + K2) =  Δp             1-7

Der Ausdruck 1-7 entspricht der Young-Laplace-Gleichung. Das Produkt beider Krümmungen in Hauptkrümmungsrichtung wird auch als Gauß’sche Krümmung bezeichnet.


2      Differentialgleichung der Grenzflächenkontur

Die hydrostatische Druckdifferenz zwischen den beiden Phasen ist eine Funktion der Steighöhe z.

Δp = (z - z0)·(ρF - ρG)·g     2-1

Die Höhenkoordinate z0, bei der die Druckdifferenz zu Null wird, soll fortan zu Null gesetzt werden (Nullniveau).

Die Kontur der Grenzfläche bei der Messung mit der Ringmethode ist rotationssymmetrisch. Daraus folgt, dass die Ausrichtung der beiden Hauptkrümmungen an jeder Position radial/tangential ist.

Durch Einsetzen der Gleichungen 2-1, 2-2 und 2-3 in Gleichung 1-7 erhält man als Differentialgleichung mit der radialen Konturfunktion z(r):

         2 - 4 

Obwohl Gleichung 2-4 relativ unhandlich erscheint, kann mit den geeigneten Umformungen und dem Setzen von Startbedingungen ein numerisches Ergebnis iterativ erzielt werden.

Für die Bogenlänge s und den Steigungswinkel φ der Konturfunktion gilt:

   

Damit wird aus den Krümmungen

Kr =  dφ / ds         2 -7

Kt =  sin φ / r         2 -8

und in Gleichung 2 -4 eingesetzt.

γ·(dφ/ds + sin(φ)/r) = z·(ρF - ρG)·g        2-9

3 Numerische Berechnung der Grenzflächenkontur

Zunächst wird Gleichung 2-9 wie folgt umgeformt:

dφ/ds = z·(ρF - ρG)·g/γ  - sin(φ)/r         3 - 1

Die Wahl einer hinreichend kleinen Diskretisierungsschrittweite Δs stellt vom Rechenaufwand inzwischen kein Problem mehr dar.
Mit dem Festlegen zutreffender Anfangswerte rAnf, zAnf und φAnf ergibt sich der weitere Verlauf der Kontur aus den jeweils vorhergehenden Werten.

ri+1 = ri + Δs · cos φi      3 - 2

zi+1 = zi + Δs · sin φi      3 - 3


      3 - 4

Zur Nachbildung der Lamellenkontur bei Ringauszug (Messaufbau Abb.1) wird zunächst die innere Grenzfläche berechnet. Ausgehend von der Symmetrieachse gilt:

rAnf = 0             3-5

zAnf = Parameter wird in der Iteration variiert         3-6

φAnf = (ρF - ρG)·g/(4γ) · zAnf · Δs                          3-7

Der Parameter zAnf wird dann solange variiert, bis die Konturkurve tangential innen an dem Drahtring anliegt (Abb. 3).

Die Anfangswerte für die äußere Grenzfläche ergeben sich aus der Randbedingung, dass die Konturkurve tangential außen am Drahtring anliegen muss. Dabei wird φAnf zum Iterationsparameter wodurch sich mit der Randbedingung rAnf und zAnf ergeben. Durch die Iteration wird dann φAnf so bestimmt, dass die Konturkurve die Behälterwand mit dem vorgegebenen Winkel schneidet (Abb. 3).

 Abb.3: Skizzen zur Beschreibung des mathematischen Vorgehen.  

Aus der Grenzflächenkontur kann die absolute Oberfläche in guter Näherung berechnet werden. Die Summation der inkrementellen Kegelstumpf-Mantel-Oberflächen, die die Kontur abformt, ergibt die Schätzung für die gesamte freie Grenz/Oberfläche (A) aus der Summe der Oberflächen innerhalb des Rings (Ai) und außerhalb bis zur Gefäßwand (Aa). 

Gl_4_4-7

In Kapitel 8 wird der Fall der fehlenden Schwerkraft (Mikrogravitation) bzw. Gleichheit der Phasendichten behandelt, wodurch die Universalität der Methode vollständigt dargelegt ist.

 

4      Berechnung der Kraft am Ring

MIt der bekannten Kontur der Grenzfläche wird die resultierende Gesamtkraft am Ring bestimmt. Diese summiert sich aus drei Komponenten (Abb. 4).

Fγi  = γ·2π· ri · cos αi          4 - 1
Fγa = γ·2π· ra · cos αa        4 - 2
Fp   Integration der örtlichen Druckdifferenz über den Ringumfang und das benetzte Drahtsegment.       

 

Abb.4: (...) Konstruktion der Benetzungkraft, die bei Kontaktwinkel 0 zwischen Draht und Fluid tangential an der Ringoberfläche angreift.
  

Für die praktische Messung kann, dass kleine Auslenkungen aus der rotationssymmetrischen Anordnung kraftbedingt wieder in Koaxialität gezwungen werden können (Ringmittelpunkt = Gefäßmittelpunkt), vgl. Abb. 7.1.3.. Der Aufbau in typischen Proportionen korrigiert dann einen kleinen Mittelpunktsfehler selbst. 

Abb. 5 zeigt beispielhaft einen mit dem beschriebenen Verfahren berechneten Weg-Kraft Verlauf (mit den Daten zu Beispiel ①).

 WasserCalcCurve ID23836Abb.5: 'Wasser' - gemäß YLP berechneter Weg-Kraft-Verlauf unter Einsetzung der Daten von "Beispiel ① IDN°23836  (Abb. -1, Abb.0. Weitere Besprechung in Kapitel 7: zu "Beispiel ①").

 

 5 Messunsicherheit - Betrachtungen über die Empfindlichkeit der Eingangsgrößen

Eine Handreichung für wissenschaftliche Überprüfungen bietet das Dokument Beispiel ① Wasser_ID23836.pdf  (ID23836_Wasser_std_YLP_extended.pdf). Darin finden sich Mess- und Simulationsdaten zusammen- und gegenübergestellt. Die Daten dieser Messung dienen in den nachfolgenden Diagrammen als Eingangsdaten der Berechnung. In Kapitel 7.1 wird Beispiel ② Wasser_ID23844.pdf besprochen, bei dem Flüssigkeitspegel- und der Gefäßrand-Kontaktwinkel zur Messung konstant gehalten werden zur (Halb-)Simulation einer unendlichen Behälteroberfläche. Die beiden Messungen in den Beispielen wurden zeitlich sehr kurz aufeinander folgend und mit den selben Geräten ausgeführt.

Zur Untersuchung der Einflußgrößen werden die Daten aus dem Dokument Beispiel ① Wasser_ID23836.pdf verwendet. Berechnet wurde überschlagsmäßig die Präzisionsmöglichkeit der anzugebenden Oberflächenspannung unter Variation aller möglichen Größen und sogar des Ortsfaktors (g). So offenbaren die folgenden Diagramme, welche Oberflächenspannung angezeigt würde, wenn im Parametersatz der Lösungsgleichungen die Größenwerte mutieren. Die Abhängigkeit bzw. Empfindlichkeit der berechneten Oberflächenspannung von den unterschiedlichen Eingangsgrößen sind hilfreich zum Verständnis und unabdingbar für eine Messunsicherheitsbetrachtung.

YLP OFS vom Gefassdurchmesser5.1 Gefäßdurchmesser (RGef)

Für das Gefäß Ø 43 bedeutet eine Ungenauigkeit im Durchmesser von ±1 mm eine Missweisung von ±0.04 mN/m.
Eine plausible Schätzung der Messgenauigkeit von ±0.1 mm bedeutet eine Unsicherheit von uØ = ±0.004 mN/m.

'YLP-OFS' bedeutet Berechnung der Oberflächenspannung gemäß der Differentialgleichung.

YLP OFS vom Gefassdurchmesser5.2 Kontaktwinkel (Θ, Gefäßrandwinkel)

Im Bereich guter Benetzbarkeit der Flüssigkeit, also bis zu einem Kontaktwinkel von 30° auf der Gefäßwand, liegt keine merkliche Beeinflussung vor. uΘ = 0 mN/m.

(Für die Praxis ist hier eine gute Wandbenetzung sicherzustellen!) 

YLP OFS vom Gefassdurchmesser5.3 Ringradius (R)

Pro Millimeter Änderung des Ringradius' ändert sich die Anzeige um ±17 mN/m.
Eine Messgenauigkeit von 1µm impliziert hier uR = ±0.017 mN/m Unsicherheit.

YLP OFS vom Gefassdurchmesser5.4 Ringdrahtradius (r)

Pro µ-meter Änderung des Ringdrahtradius' ändert sich die Anzeige um ±0.36 mN/m.
Eine r-Messgenauigkeit von 0.1µm bedeutet ur = ±0.036 mN/m Unsicherheit.

YLP OFS vom Gefassdurchmesser5.5 Maximalkraft beim Ringauszug (Fmax)

Fmax entspricht der Oberflächenspannung.

Auflösungen von 10-9 N (1 nN ≈ 0.1 µg ) sind auf IMETER erwartbar möglich. Die in den Beispielen vorliegende Auflösung beträgt 10-6 N (1 µN ≈ 0.1 mg). Die Auflösung skaliert mit dem zur Kraftmessung jeweils eingesetzten Waagentyp Analysen-, Halbmikro- und Mikrowaagen (1 nN). 

Für die Fehlerschätzung werden uFmax = ±0.016 mN/m eingeräumt. 

Die Diskretisierung liefert in den gegebenen iterationsgrenzen keinen erkennbaren Unsicherheitsbeitrag.5.6 Numerische Diskretisierung (Δs)

Die Diskretisierung liefert in den gegebenen iterationsgrenzen keinen erkennbaren Unsicherheitsbeitrag.

uΔs = ±0 mN/m

 

 

Die Empfindlichkeit gegenüber der Dichte trägt bei ±10-4 g/cm³ mit 0.0005 mN/m zum Fehler bei.5.7 Dichte der Flüssigkeit (ρ)

Die Empfindlichkeit gegenüber der Dichte trägt bei ±10-4 g/cm³ mit uρ = ±0.0005 mN/m zum Fehler bei.

(Wegen der geringen Empfindlichkeit kann das Eigenvolumen eines Ringes für eine hinreichend genaue Dichtebestimmung genügen! - die Prozessorientierung von IMETER-Messungen erlaubt innerhalb der automatischen Vorgangs auch die Dichte<differenz> zu bestimmen)

YLP OFS vom Ortsfaktor g

5.8 Ortsfaktor, lokale Fallbeschleunigung (g)

Eine Unsicherheit im Ortsfaktor g von 10-5 m/s² bedeuten lediglich ug = ±5·10-6 mN/m Unsicherheit im Wert der Oberflächenspannung.


 

 

 

Einfache Schätzung der Messunsicherheit U :      Up0.7 = (Σ(ci·fi)²)1/2 ≅ √(ug²  +uρ² +uΔs² + uFmax² +ur² + uR² + uΘ² +uز) = ±0.04 [mN/m]
Diese Präzision ist kompatibel zur automatischen Auswertung der IMETER Software für dieses Beispiel①, sie liefert mit einem Erweiterungfaktor (von K=2.5) das Ergebnis 72.01 ±0.11 mN/m.      

Außer bei Gefäßparametern (RGef, θ) stellen sich die untersuchten Abhängigkeiten als gut linear dar. Insofern dürfen Abweichungen durch Kalibrierung mittels Standardflüssigkeit legal und so wie bisher in einem einzigen Korrekturfaktor untergebracht werden. Beim kalibrierten Messaufbau (...) bestimmt alleine die Auflösung der Kraft-Messung über die anzugebende Präzission der Oberflächenspannung. Um sicher zu sein, sollte eine Kalibrierung im näheren Wertebereich der Proben liegen. Neben den bekannten Messmethoden Oberflächenwellen, schwingende Strahlen, kapillare Steighöhe und hängende Tropfen (vgl.⇒♦Methoden) kommt nun die IMETER Ringmethode als Referenzmethode in Betracht (wie hier begründet). So kann die Grenzflächenspannung zwischen undurchsichtigen Fluiden richtig gemessen werden und es kann beispielsweise der Übergang von statischer zu dynamischer Oberflächenspannung messtechnisch untersucht werden.Die IMETER-Methode stellt sich als wissenschaftlich kohärente Methode dar, die die Oberflächenspannung als das misst, was sie dem Wesen nach ist -  eine Kraft. 

Der Vergleich von ab initio Berechnungen mit Exprerimentaldaten kann Fehler oder Unbekanntes aufzeigen. Messung und Berechnung befinden sich soweit erkennbar in widerspruchsfreier Übereinstimmung. Verschiedene Falsifikationen unter Variaton der Flüssigkeit und Ringdimensionen ergaben ebenfalls keine Widersprüche zwischen Theorie und Praxis. So liegt offenbar ein geeignetes Modell vor, das es erlaubt, eine Materie-Eigenschaft mit hoher Präzission zu bestimmen. Das ist umso bedeutender, weil die Wilhelmy-Platte zur OFS-Messung möglicherweise nicht so universell geeignet ist (vgl.♦Plattendickeneffekt bei Wilhelmy-Messungen).

 

6 Verbesserung der traditionellen Handhabung

Faktorbedingte Fehler der Ringmethode ... Der DeNoüy-Ringmethode wird bisweilen ein Messfehler von 0.5% nachgesagt.Abb. 6.1: Ein Vergleich der Faktoren zeigt eine bemerkenswerte Streuungsbreite. Die traditionelle Auswertung liefert im "Ringemittel" leicht höhere Faktoren, Der DeNoüy-Ringmethode wird bisweilen ein Messfehler von 0.5% nachgesagt.Der theoretische Zugang erlaubt eine Verbesserung der historischen Handhabung durch eine Präzisierung der Faktoren. Den Tafeln zu Korrekturfaktoren aus den Arbeiten von W.D. Hawkins (Ergänzungen Fox & Chrisman, Rechnenvereinfachungen Zuidema & Waters und Hue & Mason) sind die Abweichungen zwischen den Korrekturfaktoren der Harkins-Jordan-Tabellen und der berechneten Differentialgleichung in Abb.8.1 grafisch aufbereitet. Das Diagramm bedeutet nicht, daß traditionell ermittelte Werte um bis zu 0.5% abweichen müssen.

WIe dieser kritische Faktor traditionell ermittelt wird: Im Beispiel ① ergibt das Verhältnis R³/V = (0.1·R)³/(Fmax /ρg) = 0,93096 und das Verhältnis von Ring zu Drahtradius R/r = 51,8919. - In jeweiligen Tafeln (Abb.6.2) wird zwischen den tabellierten R³/V-Werten der Zeilen 0.92 und 0.94 in den Spalten R/r 50 und 52 der Zielwert über Interpolationen erhaltenGrenz- und Oberflächenspannung Tabellenausschnitt für Faktorenberechnung nach LaPlace-Petzoldt und Harkins-JordanAbb.6.2: Ausschnitte aus den Tabellen mit den gesuchten Werten (YLP- und Harkins & Jordan Tabelle - aus der integrierten IMETER-Systemdatenbank.)



 

 

 

 

 

Wegen der Rechengeschwindigkeit verwendet die IMETER-Software ebensolche Tabellen. Bei exotischen Kombinationen werden die Ergebnisse über die Differentialgleichung berechnet - und dies braucht je Kurve ein paar Sekunden.

⇒ PDF: YLP-Korrekturfaktorentafel (IMETER). Die PDF-Tabelle kann frei verwendet werden.

Auch wenn man über kein IMETER-Gerät verfügt, kann die mutmaßlich richtigere und präzisere IMETER-Korrekturfaktorentafel bessere Ergebnisse auf anderen Vorrichtungen ermöglichen. Die wichtige Erkenntnis über den Einfluß der Gefäßgröße und Randbenetzung sollte dabei beherzigt werden. Zwar benetzen fast alle organischen Fluide, die typischerweise mit Tensiometern untersucht werden, Glasgefäße perfekt. Bei Flüssigkeiten mit hoher Oberflächenspannung (anorganische Stoffe) kann die notwendige Messgefäß-Benetzung den Einsatz von Spezielgefäßen erforderlich machen.

  

 7 Ringgrößen und Pegelkonstanz bzw. unendliche Oberfläche

7.1 Messung der Oberflächenspannung bei "unendlicher Oberfläche" bzw. der spezielle Einfluß der Gefäßwand

Messung, Simulation und Vergleich der statischen Oberflächenspannung bei unendlicher Oberfläche durch Konstanthaltung von Niveau und Kontaktwinkel und Simulationsrechung für große Oberflächen:

 Messkurven zur Oberflächenspannung an Wasser, mit Ringen Ø20, mit/ohne Kontantwinkel-Konstanthalte-Verfahren und SimulationAbb.7.1.1: Messkurven zur Oberflächenspannung an Wasser. Messung mit und ohne Kontantwinkel-Konstanthalte-Verfahren und YLP-Berechnung mit RGef=21.5mm.Messkurven und Simulation zur Oberflächenspannung an Wasser, mit Ring Ø20, mit/ohne Kontantwinkel-Konstanthalte-VerfahrenAbb.7.1.2: Messkurven zur Oberflächenspannung an Wasser. Messung mit und ohne Kontantwinkel-Konstanthalte-Verfahren und YLP-Berechnung mit RGef=75mm.

Abb.7.1.1 und .2  zeigen jeweils zwei nahezu deckungsgleiche Kurven, die den Kraft- Wegverlauf beim Herausziehen eines DeNoüy-Ringes aus einer Wasseroberfläche wiedergeben. Die durchgezogene rötliche Linie markiert jeweil den theoretisch berechneten Kraftverlauf, die schwarzen bzw. blauen Punkte repräsentieren Kraftmesswerte zweier physischer Messung. Die Kurve der blauen Punkte, zeigt eine im Vergleich eine deutlich höher ausgezogene Lamelle und gehört zum Prüffall der unendlich ausgedehnten Oberfläche (A→∞). Hierfür wurde nämlich der Pegel im Gefäß während des gesamten Messvorgangs konstant gehalten; als ob die Oberfläche unendlich ausgedeht wäre. Normalerweise sinkt der Flüssigkeitsspiegel indem am herausgezogenen Ring eine Flüssigkeitsmenge gehoben wird.
Die YLP-Rechnung zur simulierten Gefäßgröße RGef=75 mm nähert den Werteverlauf der physischen Messung an, deutet aber an, dass sich der berechnete  Oberflächeneffekt vom Fall unendlicher Ausdehnung geringfügig unterscheidet (vgl. Abb.:7.1.2).
(Wir haben die unendliche Oberfläche mit YLP nicht berechnet - Ø150mm sind eine Annäherung)

Im PDF-Dokument Beispiel ② Wasser_ID23844.pdf findet sich die Dokumentation der Messung mit ausführlicher Aufarbeitung aller verfügbaren Daten. Dort ist auch das IMETER-Messprogramm abgedruckt, worin die Option der Pumpensteuerung zur Niveauregulierung beschrieben ist. Um eine unendlich ausgedehnte Oberfläche darzustellen bzw. für die physische Messung zu simulieren, wurde eine vom IMPro (=IMETER-Messprogramm) aus gesteuerte, µL-genau arbeitende Kolbenpumpe eingesetzt, um durch Zu- oder Abdosierung die hydrostatisch bewegten und gewogenen Volumen auszugleichen. Wie diese Technik im IMETER-Modulsystem funktioniert, ist auf der Seite "Kontaktwinkel-Konstanter-Verfahren" beschrieben. Im bereits referierten Dokument Beispiel ① Wasser_ID23836.pdf findet sich die gleiche Messung ohne Niveauautomatik dokumentiert.

 Abb.7.1.3 zeigt zwei den Messungen entsprechende Profilkurven übereinander geplottet, die vom letzten Iterationsschritt vor dem Lamellenabriß stammen. 



die Oberflächenspannung aus der Differentialgleichung γØ43 = 71,968 bzw. γØ150 =72,297 mN/m; die Messung liefert mit YLP-OFS 71.97 mN/mAbb. 7.1.3: Vergleich der Profilkurven mit und ohne Niveauautomatik. Das Diagramm zeigt die Profile kurz vor dem Lamellenabriss - also nach Überschreitung der Maxiamlkraft. Die Maximalkraft (Fmax) ist für beide Kalkulationen praktisch gleich und mit 9.2773 mN in der Messung ID23844 bestimmt und der Kalkulation vorgegeben. Die Messung ID23844 liefert mit YLP-OFS 71.97 mN/m den gleichen Wert wie das Ergebnis der Simulation mit dem tatsächlich eingesetzten Gefäß (Ø=43mm). Die Auszughöhe bis Fmax ist in der Messung (3.92mm) jedoch vergleichbar mit quasi 'unendlicher Oberfläche'  {Ø150mm}.
Zu konstatieren ist, dass die Bedeutung der Messkraft als Oberflächenspannung γ durch die Gefäßgröße wesentlich mitbestimmt wird.

Die Maximalkraft (Fmax) ist für beide Kalkulationen gleich und mit 9.2773 mN in der Messung ID23844 bestimmt und der Kalkulation vorgegeben. Die Bedeutung der Messkraft als Oberflächenspannung γ wird trotzdem durch die Gefäßgröße wesentlich modifiziert. So beträgt die Oberflächenspannung berechnet über die Differentialgleichung γØ43 = 71,968 bzw. γØ150 =72,297 mN/m. Die Berechnung für unendliche Oberfläche, also die YLP-Berechnung für ein Ø150mm-Gefäß, versagt also mit den unter Niveaukonstanz gemessenen Daten. Diese Daten ergeben (korrekte) 71.97 mN/m wenn in der Berechnung mit dem tatsächlich eingesetzten Gefäß (Ø=43mm) gemäß YLP kalkuliert wird. Gleichwohl die im Experiment bestimmte Ausziehhöhe zur Gefäßoberfläche ‚unendlich‘ (d.h. Ø=150mm) passt, wird die maximale Kraft am Ring durch Gefäßwandbenetzung und den tatsächlichen Wandabstand reduziert. 
Präzisionsmessungen sollten mit der Methode der Kontaktwinkel-Konstanthaltung bevorzugt durchgeführt werden, besonders dann, wenn rheologische Eigenschaften der zu messenden Flüssigkeit Kontaktwinkeleffekte hervorrufen könnten. Insgesamt sind miniaturisierte Auslegungen der Ringmethode für präzise Messungen zu bevorzugen, da Störeinflüsse durch die relativ stärker werdenen Kapillarkräfte zurückgedrängt werden. 

  

7.2 Verschiedene Ringgrößen mit/ohne Niveau- & Kontaktwinkelkonstanthaltung

Messkurven zur Oberflächenspannung an Wasser, mit Ringen Ø13, 20, 25mm, mit/ohne Kontantwinkel-Konstanthalte-VerfahrenAbb.9.2.1: Wasser: Variation Ringradius und Variation Oberfläche (Ø 43mm gegen 'unendliche' Gefäßweite) - Messkurven zur Oberflächenspannung an Wasser, mit Ringen Ø13, 20, 25mm, mit/ohne "Kontaktwinkel-Konstanthalte-Verfahren".Variation Ringradius und Variation Oberfläche 43mm gegen 'unendliche' Gefäßweite (IsoOktan)Abb.9.2.2:IsoOktan: Variation Ringradius und Variation Oberfläche (Ø 43mm gegen 'unendliche' Gefäßweite) - Messkurven zur Oberflächenspannung an 2,4,4-Trimethypentan, mit Ringen Ø13, 20, 25mm, mit/ohne "Kontaktwinkel-Konstanter")

Die Diagramme zeigen Messkurven zur Oberflächenspannung mit Ringen der Radien 6.5, 9.6 und 12.5mm (Ø13, 20, 25mm). Dabei wurde abwechselnd auch das  "KontaktwinkelKonstanter-Verfahren" eingesetzt. (Die IMETER-Software berechnet bei Gefäß-Durchmesser Angabe eine gleitende Niveauverschiebung über die Kraft am Ring. Bei Oberfläche ∞ berechnet die Software die Niveauveränderung von Null ein. Die Kurvenverläufe mit bzw. ohne Niveauregulierung weichen in ihrer Bogenform leicht von einander ab, was der Effekt des angepinnten Kontaktwinkel zur Gefäßwand sein dürfte. - Die Kurvenvergleiche sind wegen des Antastverfahrens für das Nullniveau (IMPro) suboptimal.

In Abb. 7.2.1 zeigen zwei der mittleren Kurven (Standardring 20mm) Messpositionen, die über den Tangentenberührpunkt hinaus führen. Die Lamelle ist nicht in Erwartungshöhe abgerissen sondern wurde beträchtlich weiter ausgezogen. 




 

   

8 Die Ringmethode bei fehlendem Ortsfaktor   

Die Young-Laplace-Gleichung enthält die Schwerebeschleunigung g als formenden Parameter. Was passiert, wenn dieser Term verschwindet — sei es unter Mikrogravitation (g → 0) oder, gleichbedeutend, durch eine verschwindende Dichtedifferenz (Δρ → 0) zweier Fluide. Beide Fälle führen auf dieselbe vereinfachte Physik und sind sowohl mess­technisch als auch experimentell von Interesse.

Für eine axialsymmetrische Kontur mit der Bogenlänge s und dem Konturwinkel φ (Winkel der Tangente gegen die Horizontale) lautet das System:

dr/ds = cos φ ,     dz/ds = sin φ ,     dφ/ds = (Δp0 − Δρ·g·z)/γ − sin φ/r    8 - 1

Darin ist dφ/ds die meridionale, sin φ/r die azimutale Hauptkrümmung; ihre Summe ist die doppelte mittlere Krümmung 2Km. Die Druckdifferenz ist Δρ = ρF - ρG oder Phasendichteunterschied Δρ = ρPh1 - ρPh2. Die Entdimensionalisierung mit einer charakteristischen Länge L (etwa dem Ringradius R) liefert die Bond-Zahl (Bo), die das Verhältnis von hydrostatischer zu kapillarer Wirkung misst:  Bo = Δρ·g·L2 / γ

Der Schwerkraftterm skaliert mit Bo. Der Grenzfall Bo → 0 wird gleichermaßen durch g → 0, durch Δρ → 0 oder durch L → 0 (Miniaturisierung) erreicht — alle drei Wege führen auf dieselbe Geometrie. 

8.1 Flächen konstanter mittlerer Krümmung

Für Bo = 0 entfällt der höhenabhängige Term, und mit der konstanten mittleren Krümmung Km = Δp / (2γ) verbleibt: 

dφ/ds = 2Km − sin φ/r    8 - 2

Die Lösungen sind die klassischen Flächen konstanter mittlerer Krümmung (Delaunay): Ebene, Sphäre, Zylinder, Katenoid, Unduloid und Nodoid. Die Grenzfläche wird nicht mehr vom Gewicht der gehobenen Flüssigkeit geformt, sondern allein von Filmspannung und Laplace-Druck - die Rückstellwirkung ist die Kapillarität selbst.

Mit dr = cos φ·ds besitzt die Gleichung ein exaktes Integral:

d(r·sin φ)/dr = 2Km·r   ⇒   r·sin φ = Km·r2 + C    8 - 3

mit der Integrationskonstanten C. Die gesamte Konturgeometrie ist damit auf zwei Parameter (Km, C) reduziert, die aus den Randbedingungen und der Volumenbedingung folgen. Die iterative Integration der Differenzialgleichung — unter Schwerkraft notwendig — entfällt vollständig.

8.2 Kraftfluss und seine geometrische Bedeutung

Der vertikale Kraftfluss durch einen horizontalen Schnitt beim Radius r setzt sich aus dem Vertikalanteil der Filmspannung und der Druckkraft auf die eingeschlossene Kreisfläche zusammen. Mit Δp = 2γKm und dem ersten Integral folgt:

F(r) = 2πγ·r·sin φ − Δp·πr2 = 2πγ·C = konstant     8 - 4

Die Konstante C einer Teilfläche ist damit unmittelbar die durch sie übertragene Kraft — die Messgröße des Tensiometers erhält eine exakte geometrische Bedeutung.

Die Fläche innerhalb des Messrings reicht von der Ringkontaktlinie (r = R) bis zur Achse. Regularität auf der Achse verlangt sin φ → 0 für r → 0; aus dem ersten Integral folgt zwingend Ci = 0 und damit:

sin φi(r) = Km·r       8 - 5

Das ist exakt die Kugel mit dem Radius 1/K0: Die Ring-Innenfläche ist in Mikrogravitation eine mathematisch exakte Sphärenkalotte — bei jeder Baugröße. Die unter Schwerkraft nur für kleine Bauformen näherungsweise gefundene Halbkugel ist Vorbote dieses exakten Grenzfalls. Die optische Konsequenz der Form ist bedeutsam: die Sphärizität der kapillaroptischen Fläche ist dann nicht mehr näherungsweise, sondern exakt — und unabhängig von der Apertur.

8.3 Korrekturfaktor und Maximalkraft

Die am Messring angreifende Vertikalkraft ist die Summe der Filmspannungs-Vertikalkomponenten an beiden Kontaktlinien. Beim Auszug versteilen sich die Konturwinkel; die Kraft durchläuft ihr Maximum bei φ → 90°. Im Grenzfall des großen Gefäßes gilt dann exakt:

Fmax = 4π·γ·R   ⇒   fk = 1      8 - 6

Für endliche Geometrien ist der Korrekturfaktor fk = Fmax/(4πγR) eine rein geometrische, exakt berechenbare Apparatekonstante - unabhängig von γ, Δρ und g, mithin fluidunabhängig. Die empirischen Korrekturfaktoren der klassischen Ringmethode (Harkins-Jordan u. a.) erweisen sich damit als reine Artefakte der Schwerkraft: in Mikrogravitation wird die Ringmethode zum Lehrbuchideal.

8.4 Oberflächenberechnung

Die weiter oben verwendete inkrementelle Summation von Kegelstumpf-Mänteln lässt sich durch die Guldinsche Regel (Satz von Pappus) ersetzen, die für jede Rotationsfläche exakt gilt:

A = 2π·∫ r ds = 2π·∫ r·√(1 + (dr/dz)2) dz    8 - 7

Für die Innenfläche (Sphärenkalotte, Ci = 0) wird das Integral geschlossen lösbar und liefert die exakte Kugelkalotten-Formel:

Ai = 2π·RK2·(1 − cos φmax)       8 - 8

mit dem Krümmungsradius RK = 1/Km. Für die Außenfläche (C ≠ 0) bleibt ein einzelnes (elliptisches) Integral, das numerisch mit beliebiger Genauigkeit und ohne Diskretisierungsfehler ausgewertet wird. Damit treten an die Stelle der drei Näherungsgleichungen eine exakte und eine quasi-exakte Beziehung — ein Gewinn an Klarheit wie an Genauigkeit. Im allgemeinen Fall (Bo > 0) bleibt die Guldinsche Form gültig; lediglich dr/dz folgt dann aus der vollständigen numerischen Lösung statt aus dem ersten Integral.

8.5 Gestörte Lagen und der Sonderfall Δρ → 0

Eine Beschleunigung unter einem Kippwinkel α zur Achse bricht die Axialsymmetrie; die Störung von Form und Kraft ist von der Ordnung Bo·sin α und damit für relativ sehr kleine Bauformen vernachlässigbar, für größere als metrologisch fundierte Beschleunigungs- und Lagesensorik nutzbar.

Da Bo sowohl mit g als auch mit Δρ skaliert, ist der schwerelose Grenzfall auf der Erde experimentell zugänglich: zwei nichtmischbare Fluide nahezu gleicher Dichte (Δρ → 0) bilden eine Grenzfläche, die sich verhält, als herrsche Schwerelosigkeit. Dies eröffnet ein bodengebundenes Modellsystem für die Untersuchung von Grenzflächen konstanter mittlerer Krümmung und ihrer Stabilität — und damit eine wohlfeile Vorstufe zu Experimenten unter realer Mikrogravitation.

 

 

A. Begriffe und Veranschaulichung
B. Bestimmungsmethoden (Flüssigkeiten)
C. Bestimmungsmethoden (Feststoffe)
D. Diskussion zur Messtechnik
 
Weiteres: Seite zur ►phänomenologischen Betrachtung & Festkörpermessungen ...


A. Oberflächenspannung, Grenzflächenspannung



 

Die Oberflächenspannung, Formelzeichen γ (gamma, öfter auch σ sigma), ist die an der Oberfläche von Flüssigkeiten auftretende physikalische Erscheinung, die aufgrund der Molekularkräfte der Flüssigkeit bewirkt, dass deren Oberfläche möglichst klein wird. Die Oberfläche verhält sich dabei wie eine gespannte, scheinbar elastische Haut. Je größer der Wert der Oberflächenspannung ist, desto gespannter scheint diese Haut zu sein. Die Oberflächenspannung ist eine auf Verunreinigungen teilweise äußerst empfindliche Materialkonstante. Sie nimmt mit zunehmender Temperatur ab; die Eigenschaft verschwindet bei der kritischen Temperatur. Die gebräuchliche Einheit ist mN/m. Synonyme, teilweise veraltete Begriffe, sind (spezifische) Oberflächentension [dyn/cm], Kapillarität, Kapillaritätskonstante [erg/cm2] und (spezifische) (freie) Oberflächenenergie [mJ/m2], Englisch: surface Tension, surface free Energie. Die Oberflächenspannung ist für Benetzungsvorgänge, Adhäsion und Adsorption, also das Geschehen an Grenzflächen entscheidend. Unter Grenzflächenspannung (Grenzflächentension, interfacial Tension) versteht man den selben Spannungs-Effekt, aber zwischen kondensierten Phasen. Bei der Grenzflächenspannung überlagern sich die molekularen Kräfte der Einzelphasen und wechselwirken über die Grenzschicht miteinander. Der Betrag der Grenzflächenspannung kann nicht aus Oberflächenspannungen beteiligter Phasen hergeleitet werden, weil ungleichnamige Kräfte an ihrem Zustandekommen mitwirken. Da eine völlige nicht-Wechselwirkung ausgeschlossen ist, ist die Grenzflächenspannung zwischen zwei Flüssigkeiten immer kleiner, als die Differenz der Oberflächenspannungen bei Flüssigkeiten.

Oberflächenspannung ist die Eigenschaft einer flüssigen Phase, Grenzflächenspannung charakterisiert Verhältnisse zwischen zwei fluiden Phasen. Bei Drei-Phasen-Systemen, die mit dem Zusammentreffen fluider, gasförmiger und fester Phasen bzw. zweier fluider und einer festen Phase auftreten, werden die energetischen Verhältnisse durch Kontaktwinkel der fluiden Phase charakterisiert. 

 

 

Abb. Maxwellscher Rahmen: Oberflächenspannung ist Arbeit pro Flächenänderung.Abb. Maxwellscher Rahmen: Oberflächenspannung ist Arbeit pro Flächenänderung.


 

image003Die Oberflächenspannung entspricht quasi dem Biegeradius der Fluidoberfläche bei der Benetzung einer senkrechten Wand.

Veranschaulichung der Oberflächenspannung: In einem Drahtrahmen (Maxwell'scher Rahmen) ist ein Flüssigkeitsfilm aufgespannt (Abb. links). Indem der Bügel im Rahmen verschiebbar ist, kann der Film auseinandergezogen werden. Um den Bügel nun um die Strecke Δs gegen die Kraft F zu bewegen, muss Arbeit geleistet werden (Arbeit=Kraft x Weg, also W = F·Δs). Durch die geleistete Arbeit wird neue Oberfläche geschaffen. Die neue Oberfläche (ΔA=A-A') ist  ΔA = 2·Δs·h; "2·Δs", weil neue Oberfläche auf der Vorder- und Rückseiten des Rahmens gebildet wird. Die Oberflächenarbeit ist also:

Wo= F·Δs = F·ΔA / (2·h)

Nach Division durch ΔA ergibt sich: 

Wo / ΔA    =   F / (2·h)  = γ 

Der Quotient "aufgewendete Arbeit pro erzeugte Oberfläche" ist eine Konstante: γ, die Oberflächenspannung der Flüssigkeit. Die Einheit ergibt sich dennach mit W/A => J/m2 =N·m/m2 = N/m bzw. mN/m und kann also auch Oberflächenenergie genannt werden.

Die Oberflächenenergie ist reversibel - sie wird beim Zurückschieben des Bügels im gleichen Ausmaß, proportional zu ΔA und γ,  wieder frei. Ohne Austausch von Wärme mit der Umgebung wird der Film durch Oberflächenvergrößerung abgekühlt bzw. umgekehrt erwärmt – wie bei einem zweidimensionalen Gas. Die Grenzflächenspannung bzw. -energie zwischen zwei Fluiden ist die in jeder Hinsicht analoge Größe zwischen den beiden Phasen.

Abb. links, die Quantität der Oberflächenspannung:
Es wird manchmal missverstanden, was Oberflächenspannung anschaulich bedeutet: Bei gleicher Schwerkraft, die auf die Flüssigkeiten (1) und (2) wirkt, ist bei größerer Oberflächenspannung die Krümmung der Oberfläche geringer, die sich z.B. an einer bentzbaren Gefäßwand bildet. Die Oberflächenspannung bei (1) ist also größer als bei (2). Konsequenz: Die Flüssigkeit (2) bildet kleinere Tröpfchen; sie spreitet leichter. Die Kraft, um einen durch sie benetzten Körper von der Oberfläche abzuziehen, ist geringer.

Ein Missverständniss beim Thema "Oberflächenspannung": "Spülmittel verringert die Oberflächenspannung von Wasser und deswegen schäumt Spülwasser". Dem ist nicht so, denn die Oberflächenspannung des Wassers bleibt unverändert! Das ist keine Spitzfindigkeit über Spülwasser, welches ja kein Wasser mehr ist, sondern die Oberflächenspannung des Wassers kann bloß nicht mehr gemessen werden, weil Wasser darin keine freie Oberfläche hat. Die Oberfläche wird mehr oder weniger durch Spülmittel-Tenside gebildet (oberflächenaktive Substanzen). Schäumen und die Möglichkeit Seifenblasen zu erzeugen hat kaum mit der Oberflächenspannung zu tun. Benzin oder Cognac schäumen nicht, obwohl die Oberflächenspannung von Alkohol ziemlich gering ist. Alkoholmoleküle (Ethanol) lagern sich in wässriger Lösung nicht zusammen. Der Punkt ist 'Strukturbildung': Tenside hingegen bilden innerhalb des Wassers zusammenhängende Strukturen, kleine kugel- oder wurmartige Molekülverbände (Mizellen, Vesikel, Liposomen) und an Oberflächen oft mehrlagige Filme.

 



B. Bestimmungsmethoden, Verfahren (Fluide)

Der klassischen Literatur[z.B.14] ist bereits zu entnehmen, dass dem Phänomen Oberflächenspannung und der zugehörigen Messtechnik ein reges Interesse galt. Ein Who-is-Who der Naturwissenschaften durch die Jahrhunderte - Da Vinci, Newton, Gay-Lussac, Gibbs, Gauß, Röntgen, Kelvin, Rayleigh, Laplace, Pascal, Young  Einstein, de Gennes. Zur Bestimmung der Oberflächenspannung sind aber nicht deshalb so viele verschiedene Methoden entwickelt worden. Es gibt schlicht viele Zusammenhänge und Schwierigkeiten. Neben heute bekannten Messverfahren, werden nachfolgend auch historische erwähnt.
  Grenz- und Oberflächenspannung werden aus direkt messbaren Kräften oder aus Effekten der Kraftwirkungen ermittelt

  • Benetzungskraft bzw. Meniskusgewicht (DeNoüy-Ring, Wilhelmy-Platte, Lenard-Bügel)
  • direkte Kapillarwirkung (Steighöhenmethode)
  • Druck in Hohlräumen (Blasendruck)
  • Tropfengewicht (Tropfenvolumen, Stalagmometer)
  • Ober-/Grenzflächengestalt (Pendant Drop, Oberflächenwellen, dynamisch Lichtstreuung)

Man unterscheidet dynamische und statische Verfahren. "Dynamisch" heißt, dass bei der Messung permanent neue Oberfläche geschaffen wird. "Statisch" bedeutet, dass zur Messwertablesung eine Oberflächen-Neubildung nicht erfolgt und ein Kräftegleichgewicht herrscht. Für Referenz- bzw. Präzisionsmessungen und für Daten zu Simulationsrechungen werden statische Messungen angewendet. Insbesondere die Steighöhenmethode in Kapillaren gilt als Referenzmethode.

 

1. Ring-Methode  (Lecomte De Noûy), Bügelmethode (Lenard), Tensiometer

Zur Bestimmung der Oberflächenspannung wird die Ringmethode nach DeNoüy (P. Lecomte du Nouÿ ) weit verbreitet eingesetzt. Zur Messung wird ein dünner Drahtring unter die Flüssigkeitsoberfläche getaucht. Mit dem Herausziehen des Rings wird an diesem eine Flüssigkeitsmenge mit angehoben (vgl. Bild rechts) und es nimmt die Zugkraft entsprechend dem Gewicht der gehobenen Flüssigkeitslamelle beim Herausziehen zu. Die Maximalkraft tritt vor dem Abriss der Lamelle vom Ring auf. Sie ist zur Oberflächenspannung (γ) der Flüssigkeit proportional. Wird in vergleichbarer Weise eine Lamelle zwischen zwei nicht mischbaren Flüssigkeiten ausgezogen, so erhält man die zwischen beiden Flüssigkeiten wirkende Grenzflächenspannung. Der Dichteunterschied der Phasen spielt für die Deutung der Kraft eine entscheidende Rolle.


      γ = Fmax· f1· f2 / (4·π·R)
ADeNouyDe Noüy-Ring, Messring für Ober- und Grenzflächenspannung.

Die Ober- bzw. Grenzflächenspannung (γ) ergibt sich aus der Maximalkraft (Fmax),  dem Ringumfang (mittlerer Radius R) und mit zwei Korrekturfaktoren ( f1, f2 ). Der Korrekturfaktor f1 korrigiert eine systematische Abweichung. Um f1 zu berechnen, gibt es verschiedene Verfahren, die nach den Autoren: Harkins und Jordan[5], Fox und Chrisman [8], Zuidema und Waters[7] und Hue und Mason benannt wurden.[69,70] Dabei wird die Korrektur im Wesentlichen aus der Ringgeometrie (Radius und Ringdrahtstärke) und der Dichtedifferenz der Phasen berechnet und/oder Tabellenwerken entnommen bzw. mit dem Term Fmax/4·π·R und Konstanten ermittelt. Der zweite Faktor f2 wird durch Kalibrierung mit Referenzflüssigkeiten bestimmt und ist eine individuelle Korrekturzahl, wie sie bei praktisch allen physikalischen Mess-Rechenmethoden anzutreffen ist. Diese berücksichtigt hier als proportionale Abweichungen die Diskrepanz von idealer und realer Ringgeometrie durch Geometrie-Messfehler sowie geringe Unrundheiten und Unebenheiten (Ein Faktor der von 1.00 um mehr als 0.1% abweicht, ist ein Fehlerindikator). Zu Ergebnisangaben gehört die Nennung des Berechungsverfahrens, da gleiche Ergebniswerte sich dadurch unterscheiden können. So z.B. Wasser, mit einem Standardring DIN gemessen, liefert als Ergebnis nach den Tabellen von Harkins und Jordan 73,00 und nach der Berechnung gemäß Zuidema und Waters 72,75 mN/m. Deshalb sind in Normen jeweilige Korrekturverfahren explizit vorgeschrieben.

Messung der Oberflächenspannung: Gif-Animation YoungLaplace-GleichungDiagramm (Anklicken, um eine Animation zu zeigen ): typisches Aussehen einer Messkurve mit der Ringmethode : Wird der Ring aus der Flüssigkeit gehoben, wächst die Kraft anfangs relativ gleichmäßig an, fällt in einer gewissen Entfernung dann mehr und mehr ab und beschreibt etwa einen Parabelbogen. Die Parabelspitze markiert den gesuchten Maximalwert der Kraft. [Interessant am Kraftverlauf ist, dass eine Bewegung nach dem Parabelmaximum auf dieses zurück, die Kraft jetzt mit der Annäherung ansteigen lässt, also über dieser Strecke eine Abstoßung auftritt.]
Als eine Standardmethode in der industriellen Praxis hat sich die Ringmethode über die Jahrzehnte breit etabliert. Sie ist auf modernen Messgeräten automatisiert verfügbar. IMETER hat die Methode driftfrei und über beliebige Zeiträume bei Änderungen von Temperatur oder Zusammensetzung kontinuierlich anwendbar gemacht - universalisiert sozusagen, und wurde auf IMETER als Plattformmethode implementiert und bietet dort die wichtigsten Berechnungsalgorithen und zusätzlich mit der YLP-Methode (YLP Young-Laplace-Petzoldt) eine sehr wesentliche Verbesserung in Genauigkeit und Korrektheit. YLP kommt ohne den empirischen Korrekturfaktor f1 aus, weil die Ober/Grenzflächenspannung absolut bestimmt wird - ex elementis. Auf der Seite ♦ Ringmethoden (YLP) wird eine ausführliche Beschreibung zu Theorie und Praxis gegeben. IMETER-YLP ermöglicht es, die absolute Oberfläche, Oberflächenänderung und Geschwindigkeit Analysegegenstand werden zu lassen und kann mit erheblich reduzierten Probenmengen auskommen (<1 mL). 

Andere dynamische Kraftmethoden: Beim Lenard Bügel befindet sich zwischen zwei parallelen Stangen in einem rechtwinkligen Drahtrahmen ein dünner, waagerecht verlaufender Draht. Das Verfahren ist analog zur Ringmethode. De Gennes [84, S.62] beschreibt eine allgemeine Handhabung der Maximalkraftmethode mit Bewegung, also dynamisch für verschiedene Gegenstände, so auch eine alternative 'Maximalkraft'-Handhabung der nachfolgend unter 2. skzzierten Wilhelmy-Methode.

 

 Bildsequenz zur Illustration zur Messung der Oberflächenspannung mit einem De Noüy - RingBildsequenz zur Illustration einer Messung der Oberflächenspannung mit einem De Noüy - Ring

Vorsicht mit dem Begriff 'Abrissmethode'! Die Bezeichnung rührt noch von den Zeiten der Torsionsdraht- und 'Chainomatic Waagen' her, bei welchen es bei geringfügiger Überdehnung der Maximalkraft (im Sattelpunkt) die last-Spannung der Waage zum abreißen der Lamelle führt. Gleichwohl wird der wahre Wert angenähert erreicht bzw. leicht überschritten.  Demgegenüber – auf heutigen, wegfreien Kraftmessern/Waagen – sagt die Abreisskraft nichts genaues über die Oberflächenspannung aus. W. D. Harkins, ein Forscher-Titan, der maßgeblich für die Anwendbarkeit der Ringmethode verantwortlich zeichnet, hat die ursprüngliche Ring-Methode ganz wesentlich verfeinert und anwendbar gemacht.

DIN 53914, Bestimmung der Oberflächenspannung - Prüfung von Tensiden.Faktorbedingte Fehler der Ringmethode ... Der DeNoüy-Ringmethode wird bisweilen ein Messfehler von 0.5% nachgesagt.Analyse faktorbedingter Fehler der Ringmethode. Das ist ein möglicher Grund dafür, dass der klassischen DeNoüy-Ringmethode ein Messfehler von 0.5% eingeräumt wird (Einzelheiten vgl. Seite ♦ Ring-Method (YLP). 
DIN 53993, Bestimmung der Grenzflächenspannung - Prüfung von Tensiden - Bügel oder Ringmethode.
ISO 6889 Surface active agents - Determination of interfacial tension by drawing up liquid films.
ASTM D0971-99AR04 Test Method for Interfacial Tension of Oil Against Water by the Ring Method
ASTM D1331-89R01 Test Methods for Surface and Interfacial Tension of Solutions of Surface-Active Agents
ASTM D1590-60 Test Methods for Surface Tension of Water and Waste Water

Eine Vereinfachung der Ring-Methode bietet die sog. "Du Noüy-Padday method", die mit sehr kleinen Ringen und minimaler Probenmenge auskommt (Einzelheiten, Literaturangaben vgl. en-Wiki). Die Arbeitsgleichung lautet dabei schlicht "γ = Fmax.· f2 / (4·π·R)". Hier wird nur ein Korrekturfaktor f2 eingesetzt. Die Genauigkeit dieser technisch und rechnerischen Vereinfachung ist begrenzt. Gleichwohl wären demgemäße Messungen mit einem ♦ IMETER M1/M2 ad hoc ausführbar. Weil M1/M2 Ringgrößen frei sind und verschiedene Berechnungsalgorithmen angewendet werden können, darunter "Fmax/2L", analog zum Padday-Verfahren. 

Beispiele mit konkreten Zahlen (IMETER):
(1.1) Theorieprüfung mit einem γ-Messwert an Wasser.pdf
(1.2) kommentiertes Messprotokoll mit mehreren Messwerten an Wasser.pdf

   

2. Platten-Methode, Wilhelmy-Methode, Tensiometer

Die Methode wird zur Messung der Oberflächenspannung, aber auch für Kontaktwinkelmessungen eingesetzt. Dabei wird eine senkrechte Platte mit der Oberfläche einer Flüssigkeit in Kontakt gebracht. Das Fluid springt an der Plattenoberfläche ein Stück weit empor und es bildet sich ein Meniskus (vgl. Abb.) . Durch den Meniskus wirkt zwischen Platte und Flüssigkeit eine Kraft, die von der Benetzung herrührt und zusammen mit dem Umfang der Platte einfach die Oberflächenspannung zu berechnen ermöglicht - sofern die Platte total benetzbar ist. Die Oberflächenspannung (γ ) ergibt sich aus der Kraft (F) und dem Plattenumfang (p). 

 F = γ · p · cos (θ)     Wilhelmy-Gleichung   

Bei Totalbenetzung beträgt der Kontaktwinkel θ per Definition 0° und mit 'cos(0°) =1' erhält man die Arbeitsgleichung für die Wilhelmy-Plattenmethode: 
 γ = F/p 
 

Wilhemy Platte beim MessenWilhemy Platte beim Messen - mit voll ausgebilsetem Meniskus an einer Flüssigkeit höherer Oberflächenspannung --> (Hohe Oberflächenspannung? - "Das sieht man").Anstelle einer Platte, die i.d.R. aus Platin gefertigt und aufgeraut ist, können je nach Zweck auch andere Materialien Verwendung finden. Dünne Glas- und Glimmerplättchen, sogar Filterpapier [67, S.114] und bedingt auch Körper mit anderer Geometrien können mit Bedacht eingesetzt werden.
Wenn trotz Überprüfung mittels Standardflüssigkeiten Zweifel an Resultaten auftreten, kann eine tiefere Analyse zur Aufklärung beitragen. Dazu kann an der Wilhelmy-Platte beim Ein- und Austauchen ein Oberflächenscan (vgl. Abschnitt 11.) durchgeführt werden. Wenn im Ergebnis die Scan-Kurven der Vorwärts- und Rückzugskurven im Wesentlichen deckungsgleich verlaufen, ist die Messung valide. Ein merklicher Unterschied der Kurven ist ein sicheres Indiz für die Untauglichkeit der verwendeten Kombination von Platte und Probenfluid zur Messung der Oberflächenspannung.
Eigene Unteruchungen förderten Zutage, dass die Wilhelmy-Platte nicht dicker als ca. 0.2 mm betragen darf, sonst können zu große Werte bei unpolaren Flüssigkeiten erhalten werden - ohne dass Auftriebseffekte oder andere Störungen verantwortliche gemacht werden könnten. Wir haben starke Hinweise darauf, dass OFS-Werte wässriger oder unpolare Fluide bereits auf normalen Wilhelmyplatten nicht die genau gleiche Skala verwenden und systematisch abweichen (♦ Plattendickeneffekt). Auch bei bekannten Problemen, wie der Messungen an Fluiden mit kationischen Tensiden (Benetzungsstörungen), kann die aufwändigere Analyse anderer Methoden oder unter Variation des Plattenmaterials auch zu klären helfen, inwiefern Adsorptionseffekte eine regulär einfache Messung vereiteln.

Die Anwendung der Wilhelmy-Methode zeigt das IMETER M4 Protokoll zur Messung der Oberflächenspannung von Isooktan (Benzin) mit dünnem Cu-Blech.pdf und ein Beispiel zur Messung an Wasser mit einer üblichen Wilhelmyplatte.pdf.

  DIN 53914, Bestimmung der Oberflächenspannung - Prüfung von Tensiden

 

3. Steighöhe in Kapillaren, Kapillaraszension (capillary rise method)

Die Steighöhe in Kapillaren ist eine klassische Methode, wissenschaftlich exakt und immer noch eine Referenzmethode zur Messung der Oberflächenspannung.
In einer vertikal ausgerichteten Kapillare (Röhre) steigt Flüssigkeit hoch. Über die Steighöhe, die Dichte der Flüssigkeit und den Kapillardurchmesser kann die Oberflächenspannung berechnet werden. Schwierig ist unter anderem das korrekte Ablesen der Kapillare und bei viskosen Flüssigkeiten, das Ende der Anstiegsbewegung fesCapillary Rise, Steighoehenmethode Kapillare M7Capillary Rise, Steighoehenmethode: In dem dünnen Glasrohr steigt die Flüssigkeit genau dann entgegen der Schwerkraft im Rohr empor, wenn die Röhrenwand benetzbar ist.tzustellen. Auch hier ist eine total Benetzung der Röhre (ϴ=0°) durch das Fluid erforderlich, um die folgende Gleichung anzuwenden:
   γ = h·r·g·ρ/2
Die Oberflächenspannung (γ ) ergibt sich aus der Steighöhe (h),  der Dichte (ρ) und Fallbeschleunigung sowie dem Röhrenradius (r).

Bei unvollständiger Benetzung gilt: γ = h·r·g·ρ/(2· cos(ϴ) )  mit dem Kontaktwinkel (ϴ). 

Praktisch werden Messungen mit mehr als einer Kapillare ausgeführt. Setzt man zwei Kapillaren – natürlich mit bekannten doch unterschiedlichen Durchmessern – ein, kann die leichter ablesbare Steighöhendifferenz zur Berechung verwendet werden. Das Viskositätsproblem bleibt bestehen - nicht nur praktisch sondern auch wegen spezifischen Fluiddynamiken (Fließgrenzen) - und die Problematik den Kontaktwinkel 0° am Meniskus sicher zu verwirklichen. Mikrorauigkeit, Kontaktwinkelhysterese Zur Ausführung und Berechnung gibt es Verfahrensbeschreibungen [15, S.64], [83, S.221]. Neuerdings ist der Verdacht hinzugekommen, dass die Wandstärke der Kapillaren einen Einfluß auf die Steighöhe (bei apolaren Fluiden) nehmen könnte, vgl. Seite zum ♦ Wilhelmy-Plattendickeneffekt. Verschiedene Glassorten (Bleiglas, Borosilikatglas) wurden bereits für unterschiedliche Ergebnisse verantwortlich gemacht [15, S.325],.

Historisch kommt der Steighöhe in Kapillaren eine herausgehobene Bedeutung zu. An ihr entzündete sich die Theoriebildung.[84, S.49]: Leonardo Da Vinci glaubte, Quellwasser in den Bergen würde gefördert durch das Netz feiner Kapillaren im Untergrund*. J. Rohault (1620-75) interpretierte den Kapillaranstieg als bedingt durch den Unterdruck, der sich in den engen Räumen bilde, da die Luftzirkulation fehle**. Giovanni Borelli (1608-79) stellte fest, dass die Steighöhe sich umgekehrt zum Kapillardurchmesser verhält. Zum immer noch gültigen Ergebnis führte die systematische Untersuchung von Francis Hauksbee (1660-1713), die letztlich Newton in seiner "Opticks" beschrieb (seinen Assistenten Hauksbee aber nicht erwähnte). Zur Ableitung des Gesetzes der kapillaren Steighöhe vgl. Jurin's Gesetz.
*Es gab zwischenzeitlich noch andere Perpetuum-Mobile Ideen auf Ba sis der Kapillareffekte, z.B. von Sir William Congreve - mit einer Kette aus Schwämmen (1827, Engl. Pat.No 5461).[51  S.129]. / Anekdotisches dazu - Hans Weidenbusch aus München (mit Psiram Eintrag) meinte auch ein solches erfunden zu haben. Wir haben es in seinem Auftrag überprüft; bezahlen mochte er das Untersuchungsergebnis nicht. 
** interessant hinsichtlich der kinetischen Gastheorie.

 

4. Tropfenmasse: Tropfenvolumen-Tensiometer, Stalagmometer

Dabei wird Flüssigkeit aus einer Kanüle gedrückt. Diese fließt durch ein speziell geformtes Kapillarrohr an dessen Ende die Tropfen in möglichst niedriger Rate abfallen. Die gravimetrisch oder volumetrisch erfasste Tropfengröße (unter Kraftwirkung der Erdanziehung) erlaubt die Berechnung der Oberflächenspannung. Die Methode ist entsprechend nur dann, wenn sehr langsam ausgeführt, eine statisches Messverfahren. Praktisch werden einige Tropfen gesammelt und ein mittleres Tropfengewicht WT  und ein Kalibrierfaktor f eingesetzt, weil Tropfen praktisch und nicht theoretisch abreißen. - Der abfallende Tropfen reißt nicht aus einem statischen Zustand vom Kapillarenende ab, da die Testflüssigkeit ja weiter nachläuft. Beim Abfallen des Tropfens herrscht bereits eine Überbefülltheit und die Einschnürung des Tropfens vor dem Abfallen variiert dynmisch. 

   WT = 2π·r·γ 

"Das Gewicht WT = m·g eines abfallenden Tropfens ist proportional zum Röhrenradius r und zur Oberflächenspannung γ" , ⇒Tate's Gesetz  (1864).

 bzw.: γ = f·m·g / 2π·r 

Eine Geräte- und Verfahrensbeschreibung bei genauer Anleitung gibt Harkins [15, S.71ff], der die Methode oft bevorzugte. Im Prinzip kann die Bestimmung der Grenzflächenspannung zwischen Fluiden auch mit diesem Verfahren gemessen werden.

ASTM D2285-99 Test Method for Interfacial Tension of Electrical Insulating Oils of Petroleum Origin Against Water by the Drop-Weight Method

 

5. Druck in Hohlräumen: Blasendruck Tensiometer

 Besser als die letztgenannte Methode ist diese zur Erfassung geschwindigkeitsabhängiger Effekte geeignet - wenngleich sie letztendlich, wie eigentlich alle Messmethoden, statisch definiert ist. - Durch eine Kanüle wird ein Gas in die Flüssigkeit gedrückt; die Bläschen wachsen und lösen sich ab wobei die Druckschwankungen gemessen werden. Der Gasdruck und die Bildungsgeschwindigkeit der Blasen hängen über die Oberflächenspannung zusammen. Erhalten wird die (quasi-) Oberflächenspannung auch als Funktion der Oberflächenbildungsgeschwindigkeit. - Bereits vor einem Jahrhundert wurde mit dieser Methode bei sehr hoher Temperatur an geschmolzenen Mineralien die Oberflächenspannung gemessen [40, S.129]. F. M. Jaeger: "Wenn die Methode durch äußerst langsame Druckänderung der eingeblasenen Luft so viel wie nur möglich zu einer statischen geworden ist, d.h. wenn man dabei so langsam verfährt, dass man den Endzustand durch eine ganze Reihe von wirklichen Gleichgewichtszuständen der Blase erreicht, so besteht zwischen der Oberflächenspannung und dem gemessenem Maximaldruck eine einfache Beziehung...". 

     γ = (∆p-ρ·g·h)·r/2  Young LaplaceAbbAbb.: Zur Young-Laplace Gleichung: Über einer beliebig gekrümmten Oberfläche ist der Druck (d.h. die Druckdifferenz über der Oberfläche) durch die Oberflächenspannung und die Hauptkrümmungsradien r1, r2 festgelegt.
Die Oberflächenspannung (γ) ergibt sich aus dem Überdruck (∆p), dem Kapillar- = Blasenradius (r), sowie Dichte  (ρ), Fallbeschleunigung (g) und Eintauchtiefe der Röhre (h). 

Der maximale Druck tritt bei Gleichheit von Kapillar- und Blasenradius auf. Auf dem fundamentalen Zusammenhang von Druck und Oberflächenformen basieren auch andere Methoden. Sie führen zur Young-Laplace-Gleichung: ∆p = γ·(1/r1+1/r2), wobei der Druckunterschied (∆p) über einer gekrümmten Oberfläche aus der Oberflächenspannung und den Hauptkrümmungsradien (r1, r2)  beruht (r1 und r2 sind zueinander orthogonale, vorzeichenbehaftete Krümmkreise zur Normale im Flächenpunkt, vgl. Abb..

 

ASTM D3825-90R00 Test Method for Dynamic Surface Tension by the Fast-Bubble Technique

 

6. Methode des hängenden Tropfens (Pendant Drop) 

Die Gestalt eines am Ende einer Kapillare hängenden Tropfens unter dem Einfluss der Erdbeschleunigung ist durch die Oberflächenspannung bestimmt. Die Messwerte zweier Durchmesser des hängenden Tropfens, dem maximalen und dem Durchmesser des Tropfens in der Höhe der Mitte der Tropfenunterseite, sowie die Dichte der Flüssigkeit müssen bekannt sein, oder gemessen werden. Um zu entscheiden, ob die Tropfenform einem Gleichgewichtszustand entspricht, existieren Kriterien. - Zur Bestimmung der Grenzflächenspannung kann der Tropfen unter Zuhilfenahme einer Küvette in einer zweiten Flüssigkeit hängen.
γ  =  ρ· g· l / (1/r1 +1/r2) :  Die Ober- bzw. Grenzflächenspannung (γ) ergibt sich aus der vertikalen Tropfenlänge bzw. Höhe (l) mit Dichte (ρ), Fallbeschleunigung (g) und den Krümmungsradien des Tropfens  (r1, r2)  an seiner größten Breite.

 

7. Sessile Bubble

 Eine Blase wird unter einer planen, benetzten Platte angebracht.
γ = ∆ρ·g·r²/(b·f1²) = ∆ρ·g·h²/(b·f2²) : Die Ausmaße des äquatorialen Radius (r) und der Abstand des Blasenäquators zur Blasenunterseite (h) dienen zur Berechnung der Oberflächenspannung bzw. zur Berechnung der Grenzflächenspannung zwischen zwei sich nicht mischenden Flüssigkeiten (∆ρ Dichtedifferenz). Die Geometriefaktoren b,  f1 und f2 werden aus r und h berechnet.

 

 

8. Oberflächenwellen, Kapillarwellen (surface Waves, capillary Waves)

Für Kapillarwellen bzw. Flüssigkeitswellen, die z.B. durch eine eintauchende Stimmgabel auf einer Flüssigkeitsoberfläche erzeugt werden, gilt (nach Kelvin):

γ = 1/(2π·g) · n²·λ³·r - λ²·ρ/(4·n²)        (die Einheit der Oberflächenspannung ist um 1900 und in der im Original wiedergegebenen Gleichung noch in der Dimension Gewicht pro Länge).

Die Oberflächenspannung (γ) ergibt sich hier als (optisch bestimmte) Wellenlänge (λ) auf der Flüssigkeitsoberfläche und zwar aus der Schwingungszahl (n, Frequenz der Stimmgabel) bei gegebener Flüssigkeitsdichte (ρ) und Erdbeschleunigung (g)  ([Lit. 58] Mit Behandlung der von Planck aufgeworfenen Frage, nach dem Viskositätseinfluss auf die Messung der Oberflächenspannung). Für die Wellenlängen-Messung kann die Kräuselung der Oberfläche als optisches Gitter betrachtet werden.

Eine moderne Bilanzierung bei Oberflächenwellen beschreibt die Dispersionsrelation für Kapillar- und Schwere-wellen:

c² = (g·λ / 2π + 2π·γ / λ·ρ ) tanh (2π·h / λ)    (c: Phasengeschwindigkeit, h Tiefe der Flüssigkeit)

bei kurzen Wellenlägen dominiert die Oberflächenspanung:  c² =  2π·γ / λ·ρ -->  γ = √(c²·λ·ρ/ 2π)

Die Methode, obschon lange bekannt, ist weniger gebräuchlich, mutmaßlich wegen komplex, teuer (apparativ), viskositäts-einschränkungen und es fehlen Standards. Aber die Methode ist echtzeitfähig, physikalisch haltbarer (da kein zweiter Phasenkontakt involviert ist) und sie bietet bedetende Vorteile besonders auch indem parallel Viskosität und Dichte an kleinen Volumen bestimmt werden können. Eine breiterer Einsatz in der Mikrofluidik ist erwartbar.

C. Festkörper, Kontaktwinkel, Grenzflächenspannung

 

10. Kontaktwinkelmessung am liegenden Tropfen (sessile drop)Contactangle Young

Goniometer: Bei der weit verbreiteten Methode zum Studium der Benetzungseigenschaften wird ein Tropfen einer bekannten Flüssigkeit auf der zu untersuchenden Festkörperoberfläche platziert oder bisweilen auch ein Tropfen einer unbekannten Flüssigkeit auf eine definierte Festkörperoberfläche aufgebracht. Mittels einer optischen Vorrichtung wird über die Tropfenoberfläche hinweg der Winkel angepeilt, mit dem der Rand des Tropfens den Untergrund berührt. 

Vorrück- und Rückzugs-Kontaktwinkel (advancing ϴadv, receding contact angle ϴrec) können durch Zudosierung oder Absaugung am liegenden Tropfen über eine Kanüle realisiert werden und es finden Neigungstische zu entsprechenden Zwecken Verwendung. Wenn die geprüfte Oberfläche nicht ideal und repräsentativ ist, ist die dann notwendige Bestimmung von Mittelwerten ein etwas aufwändigeres Unterfangen. Weiterhin kann die Subjektivität der Kontaktwinkelablesung problematisch sein. 
Es ist an sich erstaunlich, dass vieles gerade mit dieser Technik in Verbindung gebracht wird. Die Goniometrie ist weit verbreitet. Sie ist sehr anschaulich und eben deshalb verbreitet. Wie Tropfen und Phasengrenze sich unter jeweiligen Umständen verhalten ist anschaulich. Ursächlich ist allein die Energie der Tripel Line -  der schmale Grat, wo flüssig-fest-gasförmig zusammentreffen. Der Tropfen ist der Begleitrucksack der Triple Line  - unsere Untersuchung des Plattendickeneffekts ist aus einer Kontaktwinkelperspektive absolut unsichtbar - der Rucksack ist bei ϴ=0° missing - in dieser Region funktioniert die Wilhelmyplatte - liegende Tropfen liegen flach.

'Höhe von Fluidschichten' (Puddles on a surface): Bei sehr großen Tropfen im Ausmaß des x-Fachen der kapillaren Länge √(γ/(ρ·g), sozusagen bei Pfützen auf Oberflächen, wird die Höhe h der Flüssigkeitsschicht durch den Kontaktwinkel ϴ und die Oberflächenspannung γ der Flüssigkeit nebst Dichtedifferenz ρ und Schwerkraft g bestimmt: h = √(2γ(1- cos(ϴ))/(ρ·g))    [Lit. 84, S.36]
(Diese Methode kann auch direkt im IMETER-Framework adaptiert werden, Die Höhendifferenz h zwischen Untergrund und Flüssigkeitsoberfläche kann mit einem elastischen Fühler ziemlich genau mechanisch bestimmt werden; der Tastkopf könnte ein kleiner Ring sein) 

DIN EN 828, Klebstoffe - Benetzbarkeit - Bestimmung durch Messung des Kontaktwinkels und der kritischen Oberflächenspnnung fester Oberflächen.

ASTM D 724-94 Standard Test Method for Surface Wettability of Paper (Angle-of-Contact Method)

 

11. Plattenmethode,   Wilhelmy-Platte (Typ II) / Wilhemly Slide  und Steighöhen-Methode

11.a: "Wilhelmy-Typ II": Der Aufbau ist vergleichbar in Methode 2 beschrieben, der Messung der Oberflächenspannung mit einer Platte, nur dass hier nicht die vollständige Benetzbarkeit der Platte durch die Flüssigkeit angenommen wird. Die Platte ist aus dem zu untersuchenden Probenmaterial oder damit beschichtet und die Oberflächenspannung der Flüssigkeit muss bekannt sein. Der Kontaktwinkel wird berechnet nach:  cos(ϴ) = F/(P·γ).

Die Kraftmessung (F) wird elektronisch realisiert. F ist die Kraft, die aus der Benetzung der Platte mit dem horizontalen Umfang P herrührt (Meniskusgewicht). Werden an einem Plattenmaterial mit verschiedenen Flüssigkeiten entsprechende ϴ-Werte bestimmt, kann daraus die Oberflächenenergie des Plattenmaterials ermittelt werden. Die in der Literatur erwähnten Ausführungen beschreiben die Messung als dynamisch. Die Platte wird mit konstanter (langsamer) Geschwindigkeit in die Flüssigkeit bewegt und herausgezogen. Vorrück- und Rückzugswinkel (ϴadv., ϴrec.) werden aus Extrapolationswerten der Kraft auf Eintauchtiefe Null bestimmt. Wir haben die Methode für das IMETER-Framework adaptiert und durch statische Messungen erweitert. Dabei wird die Oberfläche des Körpers, der keine Platte sein muss, abgetastet und jeder Tastpunkt liefert einen einzelnen ϴadv.- bzw. ϴrec.-Wert. Für übliche Prüfkörper erhält man so anhand von Mittelwert und Standardabweichung ein realistisches Bild. Finden Sie bitte auf unserer Seite IMETER M4 Wilhelmy eine genauere Auseinandersetzung mit dieser neu und universell gestalteten Technik.

11.b "Steighöhenmethode": Diese Methode zur Bestimmung des Kontaktwinkels beruht auf der Messung der Steighöhe des Flüssigkeitsmeniskus an einer senkrechten Oberfläche, z. B. einer Platte – nicht zu verwechseln mit der Steighöhenmethode in Kapillaren oder porösen Stoffen (Methoden 3. und 12.)! Die Steighöhe an der senkrechten Wand wird hier optisch gemessen (Kathetometer); sie liefert bei bekannter Oberflächenspannung der Flüssigkeit den Kontaktwinkel.
sin(ϴ) = 1 - ρ·g·h²/2γ : Der Kontaktwinkel (ϴ) ergibt sich aus der Steighöhe (h) mit Dichte (ρ) und Oberflächenspannung (γ) der Flüssigkeit.

Diese Steighöhenmethode wird auch als 'static Wilhelmy plate method' bezeichnet.[Lit. 83, S.318]
 

 

12. Sorptionsmessung, Washburn-Methode, Steighöhen-Methode

Die Eindring-, Aufsaug- d.h. Sorptionsgeschwindigkeit einer Flüssigkeit in ein poröses Material kann zur Bestimmung des Kontaktwinkels verwendet werden. Pulver, Filz, Flies, Fasergewebe, Papier, Sinterwerkstoffe bzw. poröses Material im Allgemeinen werden mit einer Flüssigkeitsoberfläche in Kontakt gebracht. Über eine definierte Kontaktfläche von porösem Körper und Flüssigkeit wird die Flüssigkeit durch die Kapillarwirkung der Poren aufgesogen. Damit der Sorptionsvorgang spontan und auch entgegen der Schwerkraft (aufwärts) abläuft, muss eine Benetzbarkeit der Feststoffoberfläche gegeben sein. Pulver werden für solche Messungen z.B. in einer per Fritte oder Sieb unten durchlässig geschlossenen Röhre untergebracht. Pulverhalter respektive Probenkörper sind mit einer Wägevorrichtung verbunden. Der zeitliche Verlauf der Gewichtszunahme wird aufgezeichnet.

 
      cosϴ = m²·η/(t·K·γ·ρ²)

 

Die Variablen der sog. modifizierten Washburngleichung: Dichte (ρ), Viskosität (η) und Oberflächenspannung (γ) der Flüssigkeit werden als Eingangsgrößen benötigt. Dazu kommt die aufgesogene Flüssigkeitsmenge (m) während der Zeit (t), die gemessen wird. Porenart, Porendichte, Porosität, Oberfläche, Fallbeschleunigung und Gerätekonstanten werden in einem Faktor K vereinigt. Diese kummulative Materialkonstante K wird mit gleichen Probenmaterial/Zubehör und einer total benetzenden Flüssigkeit (cos ϴ = 1) in einer Kalibrierung ermittelt. Damit können in einer Messreihe Kontaktwinkel ϴ bestimmt werden bzw. die Oberflächenenergie aus mehreren Kontaktwinkelmessungen.

Eine ausführliche Beschreibung der Einzelheiten wird auf zwei Seiten zu dieser IMETER-Plattformmethode angegeben: IMETER-Methode N°7 "PUK" sowie  zu Theorie und Anwendungen der 'Washburn'-Methode.

 

13. Spinning Drop, rotating Drop

Aus den geometrischen Maßen eines in einer Flüssigkeit rotierenden Tropfens oder einer Blase wird die Grenzflächenspannung durch eine entsprechende Profilanalyse errechnet. Mit der Methode können sehr geringe Grenzflächenspannungen bestimmt werden.

 

14. Testtinten (Union Carbide - Methode)

Mit einem Pinsel oder einem besonderen Aufziehgerät, etwa einem Rakel, wird eine Serie standardisierter Flüssigkeiten (Testtinten) in der Reihenfolge ihrer Oberflächenspannungen auf den zu untersuchenden Untergrund aufgebracht. Wenn eine Flüssigkeit nicht mehr benetzt, d.h. nicht binnen 2 Sekunden wieder zusammenfließt, dann entspricht die "Oberflächenspannung" des Feststoffes derjenigen der Testtinte, die zuvorletzt verwendet wurde (einfaches Testverfahren mit praktischer Aussagekraft, doch ohne wissenschaftlichen Anspruch, vgl. Zismann-Verfahren).

DIN 53 364
ASTM D 2578-84

 

15. Sonstige Methoden

15.a Schwimmende Tropfen

Ein Tropfen schwimmt auf einer anderen Flüssigkeit; Berechnung der Grenzflächenspannung zwischen unmischbaren Flüssigkeiten über die Randwinkel, die die beiden Flüssigkeiten gegeneinander ausbilden.

15.b Schwingender Strahl

Aus einer ovalen Düse strömt Flüssigkeit frei aus einem Behälter. Aus Amplitude und Frequenz des schwingenden Strahls kann die Oberflächenspannung berechnet werden.

15.c Gefrorene Tropfen

Profilanalyse an einem unter Schwerkraft auf nicht benetztem Untergrund erstarrten Flüssigkeitstropfens (z.B. von Metallschmelzen, Gläser); recht ungenaues Verfahren; Auswertung vgl. Methode 8.

15.d Dynamische Lichtstreuung:

Laseroptisches Verfahren, wobei statistische Dichte/Temperaturfluktuationen in ihrer Auswirkung bei einer Streulichtüberlagerung zeitaufgelöst analysiert werden. Die Methode erlaubt im Prinzip mehrere thermophysikalische Stoffdaten zu ermitteln: Oberflächenspannung (Oberflächenstreuung), Viskosität (Partikelstreuung), Temperaturleitfähigkeit (molekulare Streuung), Schallgeschwindigkeit u.a.

 

 


 

D. Diskusion zur Messtechnik

Wir stellen selbst gelegentlich neue Messgeräte für die Ober- und Grenzflächenspannung und die Messung des Kontaktwinkels her. Und haben sowohl aus der Geräteentwicklung und der Erfahrungen aus unseren Dienstleitstungen eine praxisorientierte Kenntnis der Wirklichkeit. Wir finden, dass die meisten der vorgenannten Methoden unnötig aufwändig für den praktischen Laborgebrauch sind. Bei Produkten, Formulierungen, sehr reinen oder reaktiven Stoffen kann die Oberflächenspannung durch Reaktion und Diffusionseffekte beeinflußt werden, so dass ein zeitliche Veränderung der Tension eintritt. Deshalb macht es einen Unterschied wie und wann die Messung erfolgt. Damit die jeweilige Oberfläche zum Zeitpunkt der Messung die Gesamtheit der Flüssigkeit repräsentieren kann, verwenden wir bevorzugt die Ringmethode (mit Rührwerk in temperierter Messzelle und umschlossenem Dampfraum), mit der das Alter der Oberfläche eine kontrollierbare Variable wird. Ebenso sind Temperatur und Stoffkonzentration einfach eingestellte oder kontrollierbare Variablen.

Messen heist vergleichen – über Messprinzipien und Zwecke

Das "Wie" des Messprinzips/der geeigneten Vorrichtung ergibt sich aus Zweck und Ziel: Soll einfach nur die Oberflächenspannung gemessen werden? Genügt ein ungefährer Wert oder soll sie genau oder vor allem einfach bestimmt werden? Sind zeitliche Veränderungen, Wirkungen von Stoffkonzentrationen (z.B. CMC-Bestimmung) und andere Mengen-Wirkungs­-Beziehungen, Temperatur- oder Umgebungs­abhängigkeiten (Druck, Atmosphäre) von Bedeutung? Sind Resultate des Verfahrens anerkannt? Oder ist für den Zweck, die Messung einer direkten Eigenschaften-Superposition interessanter, da der Anwendung entsprechend? (Etwa, wie bei Geschwindigkeitsabhängigkeiten, also ohne eine Abtrennung anderer physikalischen Einflussgrößen [Viskosität]). Wenn der Zweck der Messung darin besteht, vergleichbare Werte zu bestimmen, sind normierte Verfahren (DIN, ISO, ASTM) unter entsprechend regulierten Umständen anzuwenden. Geht es hingegen um Wirkzusammenhänge, können Abweichungen z.B. bei dynamische Messung auftreten. Gleichwohl sollten die Umstände in Messungen identisch sein, da ohne Vergleichbarkeit der Randbedingungen, ein Vergleich von Ergebnissen leicht sinnlos werden kann. 

Eine Beschränkung der zur Auswahl stehenden Mittel, kann durch die Eigenschaften der Proben vorgegeben werden. Fehlende Transparenz, Empfindlichkeit, Korrosivität des Substrats oder eine höhere Viskosität schließt die Verwendung einiger Methoden aus. Nicht selten sind zeitliche oder durch Mischen veränderliche Werte der Ober-/Grenzflächenspannung an bestimmten Stoffen – oft Formulierungen – zu finden. Was ist dann der wirkliche Messwert?

Selbstverständlich sind nicht alle Mess­prin­zipien/Vor­richtungen im Hinblick auf benötigte Probenmenge, Genauigkeit, Mess­auflösung und Messbereich vergleichbar. Einschränkende Anforderungen kommen gerade aus dem Umfeld des Einsatzes. In Betriebslabors ist Einfachheit in der Bedienung besonders wichtig, in Forschung/Lehre oder spezialisierten Labors können Messmethoden mehr oder weniger aufwendiger sein, also an die Qualifikation des Prüfers verschieden hohe Anforderungen stellen. Andere Anforderungs­schwerpunkte kommen aus dem Zweck z.B. für Serienmessungen oder für Einrichtungen zur Prozessmessung, wo Genauigkeit und Driftstabilität des Messgerätes neben Ausfallsicherheit, Robustheit und Wartungsgünstigkeit noch die lückenlose Dokumentation erfordern. Schließlich muss der apparatetechnische Aufwand der Messvorrichtung selbst und Umstände der Reinigung sowie der Probenzu- und -abführung in Betracht gezogen werden.

 

Eignung eines Messgerätes prüfen

- Ob ein Gerät den primären Zweck erfüllt: Mist das Gerät richtig? Um diese Grundvoraussetzung eines Messgerätes zu untersuchen, sollten mindestens zwei Referenzflüssigkeiten, die leicht in hoher Reinheit verfügbar sind, gemessen werden (z.B. Hexan und Wasser). Die Resultate sind mit den Sollwerten (Literaturdaten) zu vergleichen. Entsprechendes ist bei anspruchsvolleren Zielvorstellungen wie der Temperaturabhängigkeit zu fordern. Hier soll eine Messung über eine Temperaturänderungen hinweg eine korrekte Reproduktion des Tempertaturkoeffizienten ergeben. 

- Ob und wie gut der Zweck erfüllt wird sollte schlicht am beispielhaften Einsatz untersucht werden. Nachdem das Ziel des Messgeräteeinsatzes formuliert ist (z.B. QS-Funktionen,  Bereiche wissenschaftlicher Fragestellungen, Anwendungsentwicklungen, Optimierungen, Screenings), ist zu klären, inwiefern die dazu passende Funktionalität vorhanden und tatsächlich bedienbar ist.

Erlaubt ein Gerät die Prüfung der einzelnen technischen Komponenten, die zur Messung gehören, insbesondere Temperatur- und Kraftmessung? Ist Zubehör verfügbar oder ist bei jeder Kleinigkeit der Gerätelieferant zu kontaktieren? Und der Service: wie oft? wie schnell? wie günstig? wie erforderlich? - Vor Zeiten war nichts anderes von Messgeräten zu erwarten, als dass sie schlicht Messwerte anzeigen. Sie wurden mit den Umständen der Ausführung im Laborjournal notiert. Später hatten Geräte auch Drucker und das Ausgedruckte wurde/wird abgeheftet. Ernsthafte Messgeräte für den Routineeinsatz kommen heute natürlich mit Software. Die muss dabei sein, zumindest für die Ausgabe von Diagrammen. Wird der Anwender durch weitgehende Automation entmündigt oder selektiv genau das nicht? Ob das Gerät eher ein Instrument oder ein Automat ist hängt mit der Qualifikation des Anwenders zusammen und dem Anspruchsniveau der Aufgabe. Muss das unterschieden werden? - Wahrscheinlich steckt in der Behandlung von Ergebnissen (Berechnung, Vergleiche, Statistiken, Archivierung, Konnektivität) das größte unbekannte Potential für die Rationalisierung von Messaufgaben insgesamt. Es ist heutzutage einzufordern, dass Aufgaben wie Dokumentation, Prüfmittelüberwachung, Ergebnisablage in einer LIMS gerechten Form (mit oder ohne eines solchen) durch die Softwarebegleitung erledigt werden. Damit die KI unterstützen kann und komplexe Auswertungen durchführen kann, müssen Messungen entsprechend dokumentiert werden.  

 

Entwicklungsmomente der IMETER Ring-Methoden

 

Die IMETER Technologie wurde entwickelt, um die vielfältigen Anforderungen, die an ein modernes Instrument gestellt werden, bestmöglich zu erfüllen. Die Grundeigenschaft von IMETER ist die Unabhängigkeit von Steuerung, Zubehör/Messmittel, Messweise und Bewertung. Sie unterscheidet sich damit konzeptuell von traditionellen Geräten. Durch die  Formalisierung des Ganzen liegt "im Kern das Ideal, auf dem die Konkretisierung basiert". Damit stehen wir heute vor der Situation, dass die Technik weit mehr Möglichkeiten bietet als herkömmliche Konzepte fassen können. Mit dem unbeschränkten und parametrischen System IMETER können wir ein tragfähiges Konzept anbieten, das als Methoden-Betriebssystem angesehen werden kann. 


[Allgemeine Ringmethode]  Für die allgemeine Messung der Grenz- und Oberflächenspannung darf die Ringmethode auf IMETER als sehr geeignet angesehen werden: Sie kann mit IMETER statisch, dynamisch und linear-beschleunigt ausgeführt werden und exakt, schnell und einfach Resultate liefern. Zeitliche Veränderungen und Temperatur- wie Konzentrationseffekte können mit geringem Aufwand gemessen und die Messumgebung kontrolliert auf verschiedene Bedingungen hin angepasst werden. Die IMETER-Ringmethoden M1/M2 können für wenig anspruchsvolle Bedienung ausgelegt werden, in komplexe Zusammenhänge integriert werden. - Ohne IMETER ist schlicht nicht erfahrbar, was messtechnische Freiheit ist. So kannn IMETER für Regelungsaufgaben und Prozess­messung eingesetzt werden. In Punkto Wiederholgenauigkeit und Langzeitstabilität ist M1/M2 auch hier non plus ultra; Stichworte Drifteleimierung, Justierung in-Process, geschlossene Messzellen, Zusatzsensoren und Aktoren und die metrologische Auswertung für die absolute Vergleichbarkeit mit unbegrenzter Haltbarkeit. 
Abb.1: Messung der Oberflächenspannung per Ringmethode zwischen 20 und 140°C von Dibenzyltoluol (ocker), einer ionischen Flüssigkeit* (grün), Dodekan (rot), Polydimethylsiloxan (blau) und einem Perfluoralkylether** (schwarz). * 1-Methyl-1-propylpyrrolidinium bis(trifluoromethylsulfonyl)imide, ** Krytox (R) XHT1000 (DuPont). (Reproduktion mit freundlicher Genehmigung, M. Götz, Karlsruher Instituts für Technologie)
[Statisch - dynamisch] Die Oberflächenspannung ist als thermodynamische Messgröße statisch definiert. Von daher sind dynamische Messmethoden grundsätzlich eher problematisch. Offensichtlich ist der Einfluss der Viskosität  (vgl. Diagramm). Dynamische Methoden sind tendenziell mehr für schnelle Vergleichszahlen geeignet.

Bei niedrigviskosen Fluiden und bei moderater Mess- bzw. Abzugs­ge­schwindigkeit wird normalerweise keine Abweichung zu einer rein statischen Messweise gefunden. "Statisch" bedeutet hier, dass der Lamellenauszug in stufenweise z.B. in langsamen Bewegschritten erfolgt, wobei solange gewartet wird, bis sich die am Ring wirkende Kraft nicht mehr ändert. Es ist aus vielen Gründen besser, nach unserem Patent (DE 4412405) zu verfahren, als eine sehr langsame dynamische Zuggeschwindigkeit anzuwenden. Andernfalls bräuchte eine Messung sehr lange, der Messwertzeitpunkt (Lamellenalter) könnte kaum zugeordnet  und zeitliche Effekte nicht richtig angezeigt werden (Diffusion) oder sogar die Messung stören (Drift).

Die Abb.2 zur Messung der "Oberflächenspannung" von Honig zeigt die Abhängig­keit von der Messgeschwindigkeit. Diese wird von der Software als Lamellenalter in dem automatisch er­zeugten Diagramm dargestellt  (=> durch Viskositäts­einfluss ohne Gleichgewichtseinstellung der Kräfte zu einer 'Viskosi-spannung').
Abb.2: Messversuch zur Oberflächenspannung von Honig - Die Oberflächenspannung kann bei hochviskosen Proben nur statisch als solche gemessen werden - sobald sich die viskose Kraftwirkung abgebaut hat

 

[Transparenz, Zeit, Konzentration, Temperatur]
Gegenüber der Methode des hängenden Tropfens (Pendant Drop, 6.) muss der Ringmethode ein verfahrensbedingt größerer Messfehler zugeordnet werden. Sie setzt jedoch bei der Messung der Grenzflächenspannung keine Durchsichtigkeit voraus. Änderungen des Brechungsindex durch Temperatur oder Stoffumsatz spielen bei der Ringmethode keine Rolle. Hingegen liefert sie Zusatzinformationen (z. B. Lamellenhöhe) und die Dokumentation erlaubt an den Messkurven Fehlmessungen ggf. nachträglich als solche zu erkennen. Konzentrationsbedingte Grenzflächenphänomene, zeitliche und thermische Effekte werden messtechnisch sehr einfach zugänglich gemacht, auch echte Mittelwerte, die man anders kaum erhält. Die "Ablesung" ist außerdem automatisiert, unkomplizierter, einfacher und sicherer und hat auch keinen Benutzerfaktor.

In Abb. 3 ist die zeitliche Entwicklung der Grenzflächenspannung zwischen Wasser und Toluol dargestellt. Das Beispiel zeigt, wie einfach zeitliche Effekte dokumentiert werden können; von selbst nämlich. - Die Grenzflächenspannung wird normlerweise an den gegenseitig gesättigten Phasen bestimmt. Im Beispiel also toluolgesättigtes Wasser gegen wassergesättigtes Toluol. Mit der Steuerung und Auswertung von IMETER kann unter Einsatz von ►I-Magnetrührer das gesamte Phasenverhalten in einem Messablauf bestimmt werden.
Abb.:3 Die frische Grenzflächenspannung zwischen Wasser und Toluol beobachtet über 50 Minuten (25.0°C): Die Grenzflächenspannung nimmt im Verlauf um 0.3 mN/m ab. [5103]

 

[Nullpunktsdrift ] Die Streuung der einzelnen Messwerte wird wegen der geringeren Messunsicherheit verursacht. Das klingt zunächst paradox, "höhere Sicherheit durch größere Streuung"! Es ist also so: jeder einzelne Messpunkt entspricht einer Bestimmung der Maximalkraft (vgl. Diagramm 1). In dieser Messung wurde vorgegeben, jeden einzelnen Messwert mit seiner eigenen Bezugskraft auszustatten. Für einen Oberflächenspannungswert wurden somit zwei Wägungen vorgenommen, was die Präzision (Precision) durch Streuung verschlechtert, doch die Richtigkeit (Accuracy) und Sicherheit verbessert. Durch die Technik der Bezugskraftbestimmung ist es kein Problem, wenn ein Tröpfchen an der Ringhalterung sich niederschlägt oder der Nullpunkt der Wägezelle aus anderen Gründen driftet. Der Fehler korrigiert sich durch die Bezugskraftmessung von selbst, also per kurzzeitiger Kraftdifferenzmessung.

  (Ring-Gleichung)

Fmax. (Maximalkraft bei Auszug der Lamelle), FBez. (Bezugskraft), R (Ringradius), r (Ringdrahtradius), k (Ringkorrektur), f (Korrekturfaktor je nach Berechnungsalgorithmus, Ringgeometrie und gehobenem Flüssigkeitsvolumen V).
 
Bezugskraftbestimmung: der Ring ist dabei um eine vorgegebene Strecke mit rückwärtigen Meniski an den Halteschenkeln eingetaucht (dies sollen Anwender aus den Standardmessprogrammen beibehalten). Der Ringauftrieb und die Wilhelmy-Oberflächenspannung [rekursiv] an den Schenkeln wird berechnet, so dass die Bezugskraft für den frei hängenden Ring aus den bekannten Daten berechnet wird. Zusätzlich: Die Ringgeometrie wird über die thermische Wärmedehnung des Ringmaterials korrigiert, was bei normalen Temperaturen zwar keine Rolle spielt - es ist ja geradezu ein Dogma der IMETER-Software, die Korrektheit grundsätzlich einzubauen, schließlich kann  IMETER mit einer Mikrowaage ausgestattet sein oder es wird bei extremen Temperaturen gemessen; Ringdimension und Material sind ebenfalls nicht festgelegt.

Die Technik ist allgemein hilfreich. Messungen bei heftigem Umrühren (Spritzer) oder bei Kondensationsgefahr benötigen notwendig die Bezugskraft-Technik: In Abb.4 ist die Messung der Temperatur­ab­hängigkeit bis fast zum Siedepunkt von Wasser gezeigt. - Ab 85°C kondensiert überall Wasserdampf, natürlich auch an der Messkör­peraufhängung.

Daneben kann für Prozessmessungen auch die In-Process-Justierung eingesetzt werden, die die Justierung der automatisch Wägezelle durchführt (z.B. auf der Ebene der Ablaufsteuerung ausgelöst durch eine Temperaturänderung an der Wägezelle).

Mehrfachbestimmungen, wie die gezeigten, sind beispielsweise mit der Wilhelmy-Platte (Methode 2.) nicht so einfach möglich. Praktisch bietet diese Option nur die Ringmethode auf. Und die Ringmethode hat gegenüber der Wilhelmy-Platte noch den Vorteil, dass konkurrierende und asymmetrische Adsorptionsvorgänge (Benetzungsstörungen) kaum auftreten können, nicht zuletzt dadurch, dass das Ringmaterial selbst eine Variable ist.
 Abb.4: Oberflächenspannung einer Wasserprobe bei Messungen zwischen 50 und 98°C

 

[Umstände des richtigen Messens]  "Richtiges Messen" ist Ergebnis mehrer Faktoren. Neben dem staatischen Verfahren ist definitionsgemäß die mit dem Dampf der Probe gesättigte Oberflächenumgebung eine aus der Thermodynamik geforderte Voraussetzung. Diese wird durch Einsatz geschlossener Messzellen verwirklicht. Die Auswertung kann so eingestellt sein, dass  automatisch der geeignete Berechnungsalgorithmus eingeschalten wird. Je nach Ring und Probe (d.h. nach dem R³/V-Verhältnis) erfolgt die Berechnung nach Harkins und Jordan [5] (Interpolation in den Originaltabellen), Fox und Chrisman [8] oder Zuidema und Waters[7]). Die Ober/Grenzflächenspannung wird gemessen z.B. um eine Fundamentalinformation über die Eigenschaft einer Flüssigkeit zu erhalten oder, häufig auch, um den Messwert gegen einen Erwartungswert oder Sollwert zu prüfen. Diese Aufgabe wird durch die Integration von Referenzdaten im IMETER-Framework geleistet.



Abb.5: IMETER M1 : hohe Doppelkammer-Messzelle mit Magnetrührwerk.

 Abb.7 visualisiert die Rohdaten (Kraft, Lamellenhöhe, Zeit) bei andauernder Messung der Oberflächenspannung an Toluol mit der Ringmethode. Die Temperatur ändert sich linear auf- und absteigend, dreimalig zwischen 20 und 30°C, wodurch sich die Oberflächenspannung entsprechend verändert (►Dauermessung an Toluol.PDF).

Oberflächenspannungs-Messkurven Maximalkraftmessung und weiterzug bis zum Lamellenabriß (DeNoüy-Ring): Entwicklung der Kraftverlüufe bei Tensiddosierung. Die Grenzflächentension nimmt ab die Filmbildung zu.Abb.6: Oberflächenspannungs-Messkurven einer CMC-Messsequenz -- Maximalkraftmessung und Weiterzug bis zum Lamellenabriß vom DeNoüy-Ring. Entwicklung der Kraftverläufe durch Tensiddosierung.
►CMC-Messung - mit beabsichtigtem Lamel­lenabriss (bereits eine minimale Tensidmenge stabilisiert die Lamelle). Was keinen Regelfall markiert, denn anderen Tensiden tauchen stabile Lamellen nur im Bereich der CMC auf.


► Zur phänomenologischen Betrachtung und Festkörpermessungen ...
3D-Konturplot Weg-Zeit-Kraft bei Dauermessung der Oberflächenspannung von Toluol - während die Temperatur zwischen 20 und 30°C Zickzack fährt.Abb.7: Prozessmessung der Oberflächenspannung: Das Diagramm visualisiert die Rohdaten (Kraft, Lamellenhöhe, Zeit) bei andauernder Messung der Oberflächenspannung an Toluol mit der Ringmethode. Die Temperatur ändert sich linear auf- und absteigend, dreimalig zwischen 20 und 30°C, wodurch sich die intermolekulare Festigkeit - d.h. die Oberflächenspannung, entsprechend verändert.
 

[Werbung] IMETER macht praktisch keine andere Werbung, als die, eben hier - und Verstandeswege. Das hält die Nachfrage bedienbar. 

 

 

  1. Wilhelmy-Methode (M12)
  2. Messgerät zur Bestimmung der CMC
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